{"id":1030,"date":"2022-04-08T14:07:36","date_gmt":"2022-04-08T12:07:36","guid":{"rendered":"https:\/\/www.dainst.blog\/archaeology-in-eurasia\/?p=1030"},"modified":"2022-04-08T14:09:18","modified_gmt":"2022-04-08T12:09:18","slug":"erster-nachweis-fuer-kaeseproduktion-im-spaeten-5-jahrtausend-v-chr","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.dainst.blog\/archaeology-in-eurasia\/erster-nachweis-fuer-kaeseproduktion-im-spaeten-5-jahrtausend-v-chr\/","title":{"rendered":"Erster Nachweis f\u00fcr K\u00e4seproduktion im sp\u00e4ten 5. Jahrtausend v. Chr."},"content":{"rendered":"\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img fetchpriority=\"high\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"453\" src=\"https:\/\/www.dainst.blog\/archaeology-in-eurasia\/wp-content\/uploads\/sites\/19\/2022\/04\/Vieherden_ASorotokina-1024x453.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-1032\" srcset=\"https:\/\/www.dainst.blog\/archaeology-in-eurasia\/wp-content\/uploads\/sites\/19\/2022\/04\/Vieherden_ASorotokina-1024x453.jpg 1024w, https:\/\/www.dainst.blog\/archaeology-in-eurasia\/wp-content\/uploads\/sites\/19\/2022\/04\/Vieherden_ASorotokina-300x133.jpg 300w, https:\/\/www.dainst.blog\/archaeology-in-eurasia\/wp-content\/uploads\/sites\/19\/2022\/04\/Vieherden_ASorotokina-768x340.jpg 768w, https:\/\/www.dainst.blog\/archaeology-in-eurasia\/wp-content\/uploads\/sites\/19\/2022\/04\/Vieherden_ASorotokina-1536x680.jpg 1536w, https:\/\/www.dainst.blog\/archaeology-in-eurasia\/wp-content\/uploads\/sites\/19\/2022\/04\/Vieherden_ASorotokina-2048x907.jpg 2048w, https:\/\/www.dainst.blog\/archaeology-in-eurasia\/wp-content\/uploads\/sites\/19\/2022\/04\/Vieherden_ASorotokina-750x332.jpg 750w\" sizes=\"(max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><figcaption>Viehherden im Nordkaukasus [Bildautorin: A. Sorotokina, DAI] <\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p><strong>Milch in der Vorgeschichte<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Milch ist eine au\u00dferordentlich n\u00e4hrstoffreiche Nahrungsquelle, reich an Proteinen, Fett, Zucker (Laktose), Vitaminen und Mineralien wie Kalzium. Obwohl Milch selbst leicht verderblich ist, kann sie durch mikrobielle Fermentation und andere Formen der Manipulation in stabilere Produkte wie Joghurt, Quark, K\u00e4se und Butter umgewandelt werden. Solche Produkte k\u00f6nnen teilweise auch l\u00e4nger gelagert werden. Da die meisten Menschen laktoseintolerant sind, also keine frische Milch vertragen, ist die Umwandlung zu Joghurt oder K\u00e4se in vielen F\u00e4llen eine Grundvoraussetzung f\u00fcr den unbeschwerten Verzehr.<\/p>\n\n\n\n<p>Es gibt eine lange Diskussion in der Arch\u00e4ologie, wann die Milchwirtschaft begann, bereits im Neolithikum des 6. Jahrtausends v. Chr. oder erst im 4. Jahrtausend. v. Chr. als Teil einer Secondary Products Revolution, in der die Nutzung der Tiere als Fleischlieferanten durch den Einsatz von Zugkraft f\u00fcr Wagen und Pflug, sowie als Milch- und Wollieferant erg\u00e4nzt wurde. Daher wurden in den vergangenen Jahren zahlreiche Untersuchungen von Speisekrusten in neolithischen Gef\u00e4\u00dfen durchgef\u00fchrt, die teilweise zeigten, dass Milch in den Gef\u00e4\u00dfen erhitzt wurde.<\/p>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-image\"><figure class=\"aligncenter size-large is-resized\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.dainst.blog\/archaeology-in-eurasia\/wp-content\/uploads\/sites\/19\/2022\/04\/Beprobung-Zahnstein_AScott.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-1034\" width=\"278\" height=\"341\" \/><figcaption>Probenaufbereitung von Zahnstein; [Bildautorin: A. Scott, MPI Evolution\u00e4re Anthropoogie] <\/figcaption><\/figure><\/div>\n\n\n\n<p><strong>Direkter Nachweis von Milchprodukten im Zahnstein<\/strong> <\/p>\n\n\n\n<p>Die Fortschritte der biomolekularen Methoden haben uns nun unerwartete Erkenntnisgewinne beschert. Im Zahnstein von Menschen erhalten sich Milchproteine, in unserem Fall vor allem Beta-Lactoglobulin. Damit l\u00e4sst sich erstmals der Verzehr von Milchprodukten sicher nachweisen. So konnte der Zahnstein von 45 Individuen aus 29 Fundorten im Nordkaukasus (n=27) und den benachbarten Regionen S\u00fcdkaukasus (n=9), Oka-Wolga-Don (n=7) und Ostural (n=2) beprobt und analysiert werden. Milchproteine wurden bei 34 von 45 analysierten Individuen \u00fcber alle Zeitr\u00e4ume hinweg identifiziert. Bei 31 Individuen reichte die Proteinausbeute aus, um die Milch der wichtigsten Wiederk\u00e4uer, n\u00e4mlich von Schafen, Ziegen und K\u00fchen zu identifizieren, w\u00e4hrend die Milchproteine von drei Individuen durch unspezifische Peptide repr\u00e4sentiert wurden, die entweder auf Schafe oder K\u00fche hinwiesen. Diese Untersuchungen, die nun in der neusten Ausgabe der Zeitschrift <a href=\"https:\/\/www.nature.com\/articles\/s41559-022-01701-6\" data-type=\"URL\" data-id=\"https:\/\/www.nature.com\/articles\/s41559-022-01701-6\">Nature Ecology and Evolution ver\u00f6ffentlicht wurden<\/a>, sind Teil einer Zusammenarbeit der Eurasien-Abteilung des DAI und des Max-Planck-Institut f\u00fcr Evolution\u00e4re Anthropologie in Leipzig im Rahmen mehrerer ERC Grants &#8211; ARCHCAUCASUS (Svend Hansen), <a href=\"https:\/\/wolfganghaak.com\/research\/paleorider\/\" data-type=\"URL\" data-id=\"https:\/\/wolfganghaak.com\/research\/paleorider\/\">PALEoRIDER <\/a>(Wolfgang Haak) und <a href=\"https:\/\/dairycultures.org\/about-us\/team\/\" data-type=\"URL\" data-id=\"https:\/\/dairycultures.org\/about-us\/team\/\">DairyCultures<\/a> (Christina Warinner). Die Spezialistinnen f\u00fcr Proteom-Analysen Christina Warinner und Ashley Scott konnten feststellen, dass im Nordkaukasus der Milchkonsum in allen untersuchten Perioden und \u00d6kozonen weit verbreitet waren. So wurden Milchproteine bei 26 von 27 untersuchten Individuen nachgewiesen werden. Milchprodukte wurden im Nordkaukasus seit dem sp\u00e4ten 5. Jahrtausend v. Chr. konsumiert, doch sind die Belege noch quantitativ gering. In der fr\u00fchbronzezeitlichen Maikop-Kultur des 4. Jahrtausends v. Chr. und der fr\u00fchen Jamnaja-Kultur wurden fast ausschlie\u00dflich Milchproteine von Schafen festgestellt, es handelt sich also fast ausschlie\u00dflich um den Verzehr von Produkten aus Schafmilch. Erst in der sp\u00e4ten Jamnaja-Kultur, der Nordkaukasischen-Kultur und der Katakombengrab-Kultur verbreiterte sich das Spektrum der Arten. Hinzu kam Ziegenmilch und es wurden auch Produkte aus Kuhmilch konsumiert.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Perspektiven<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Der Nachweis von Milchproteinen im Zahnstein der fr\u00fchbronzezeitlichen Individuen ist eine solide Basis f\u00fcr die Aussage\/Erkenntnis, dass es im Nordkaukasus w\u00e4hrend des 4. Jahrtausends v. Chr. eine regelm\u00e4\u00dfige Produktion von Milchprodukten gegeben hat. Mit Quark und K\u00e4se wurde ein neues Lebensmittel verf\u00fcgbar, das nicht nur n\u00e4hrstoffreich, sondern bis zu einem gewissen Ma\u00df auch lagerf\u00e4hig und transportabel war. Die Analysen bilden dar\u00fcber hinaus eine Grundlage f\u00fcr weiterf\u00fchrende \u00dcberlegungen zur Herdenhaltung und der Milchwirtschaft. Letztere sind wesentliche Elemente der gesamten Pastoralwirtschaft der Fr\u00fchbronzezeit in der Eurasischen Steppe, f\u00fcr die wohl auch andere innovative Elemente eine Rolle spielten, etwa der von Rindern gezogene Wagen f\u00fcr den Transport und die Domestikation von Pferden zur Kontrolle gr\u00f6\u00dferer Herden. Eine weitere dr\u00e4ngende Frage ist, ob mit dieser fr\u00fchen Milchwirtschaft m\u00f6glicherweise auch die Nutzung der Schafe als Wollieferant verbunden war.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Information zur Publikation<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Ashley Scott, Sabine Reinhold, Taylor Hermes, Alexey A. Kalmykov, Andrey Belinskiy, Alexandra Buzhilova, Natalia Berezina, Anatoliy R. Kantorovich, Vladimir E. Maslov, Farhad Guliyev, Bertille Lyonnet, Parviz Gasimov, Bakhtiyar Jalilov, Jeyhun Eminli, Emil Iskandarov, Emily Hammer, Selin Nugent, Richard Hagan, Kerttu Majander, P\u00e4ivi Onkamo, Kerkko 7 Nordqvist, Natalia Shishlina, Elena Kaverzneva, Arkadiy I. Korolev, Aleksandr A. Khokhlov, Roman V. Smolyaninov, Svetlana V. Sharapova, R\u00fcdiger Krause, Marina Karapetian, Eliza Stolarczyk, Johannes Krause, Svend Hansen, Wolfgang Haak, Christina Warinner, Emergence and intensification of dairying in the Caucasus and Eurasian steppes, Nature Ecology &amp; Evolution, <a rel=\"noreferrer noopener\" href=\"https:\/\/www.nature.com\/articles\/s41559-022-01701-6\" target=\"_blank\">https:\/\/www.nature.com\/articles\/s41559-022-01701-6<\/a>&nbsp;<br><\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"683\" src=\"https:\/\/www.dainst.blog\/archaeology-in-eurasia\/wp-content\/uploads\/sites\/19\/2022\/04\/Kaese_Georgien_SHansen-1024x683.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-1033\" srcset=\"https:\/\/www.dainst.blog\/archaeology-in-eurasia\/wp-content\/uploads\/sites\/19\/2022\/04\/Kaese_Georgien_SHansen-1024x683.jpg 1024w, https:\/\/www.dainst.blog\/archaeology-in-eurasia\/wp-content\/uploads\/sites\/19\/2022\/04\/Kaese_Georgien_SHansen-300x200.jpg 300w, https:\/\/www.dainst.blog\/archaeology-in-eurasia\/wp-content\/uploads\/sites\/19\/2022\/04\/Kaese_Georgien_SHansen-768x512.jpg 768w, https:\/\/www.dainst.blog\/archaeology-in-eurasia\/wp-content\/uploads\/sites\/19\/2022\/04\/Kaese_Georgien_SHansen-1536x1024.jpg 1536w, https:\/\/www.dainst.blog\/archaeology-in-eurasia\/wp-content\/uploads\/sites\/19\/2022\/04\/Kaese_Georgien_SHansen-2048x1365.jpg 2048w, https:\/\/www.dainst.blog\/archaeology-in-eurasia\/wp-content\/uploads\/sites\/19\/2022\/04\/Kaese_Georgien_SHansen-750x500.jpg 750w\" sizes=\"(max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><figcaption>Schafsk\u00e4se auf dem Markt in Telawi, Georgien; [Bildautor: S. Hansen, DAI] <\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p><strong>Contact<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><em>Max Planck Institute for Evolutionary Anthropology<br><\/em><a href=\"warinner@fas.harvard.edu\" data-type=\"URL\" data-id=\"warinner@fas.harvard.edu\">Prof. Dr. Christina Warinner<\/a><br><a href=\"wolfgang_haak@eva.mpg.de\" data-type=\"URL\" data-id=\"wolfgang_haak@eva.mpg.de\">Dr. Wolfgang Haak<\/a><br><\/p>\n\n\n\n<p><em>Eurasien Abteilung, Deutsches Arch\u00e4ologisches Institut<br><\/em><a href=\"svend.hansen@dainst.de\" data-type=\"URL\" data-id=\"svend.hansen@dainst.de\">Prof. Dr. Dr. h.c. Svend Hansen<\/a>&nbsp;&nbsp;<br><a href=\"mailto:Sabine.Reinhold@dainst.de\" data-type=\"URL\">PD. Dr. Sabine Reinhold<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Milch in der Vorgeschichte Milch ist eine au\u00dferordentlich n\u00e4hrstoffreiche Nahrungsquelle, reich an Proteinen, Fett, Zucker (Laktose), Vitaminen und Mineralien wie Kalzium. 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