{"id":1034,"date":"2020-05-11T13:05:50","date_gmt":"2020-05-11T11:05:50","guid":{"rendered":"https:\/\/www.dainst.blog\/bridging-eurasia\/?p=1034"},"modified":"2020-05-25T11:03:25","modified_gmt":"2020-05-25T09:03:25","slug":"was-geschah-im-bronzezeitlichen-dorf-lajia","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.dainst.blog\/bridging-eurasia\/was-geschah-im-bronzezeitlichen-dorf-lajia\/","title":{"rendered":"Was geschah im bronzezeitlichen Dorf Lajia?"},"content":{"rendered":"<p>Arch\u00e4ologen, Historiker und Geowissenschaftler untersuchen die Vergangenheit des Menschen und der Natur mit verschiedenen Fragestellungen und Datierungsmethoden, doch sie besch\u00e4ftigen sich alle mit den Interaktionen von Mensch und Umwelt. Einige Fragen sind nicht immer leicht zu beantworten, wie beispielsweise:<br \/>Was ist den Menschen im chinesischen Lajia zugesto\u00dfen? Wurden sie von einer Flut \u00fcberrascht? Hat ein Erdbeben gew\u00fctet? Oder zerst\u00f6rte eine Schlammlawine das bronzezeitliche Dorf?<br \/>Um das herauszufinden, unterst\u00fctzte das DAI 2002 gemeinsam mit dem Arch\u00e4ologischen Institut der Chinesischen Akademie f\u00fcr Sozialwissenschaft und dem Institut f\u00fcr Denkm\u00e4ler und Arch\u00e4ologie der Provinz Qinghai die Diplomarbeit von C. Hoffmann am Institut f\u00fcr Geo\u00f6kologie der Universit\u00e4t Potsdam.<\/p>\n<h6 style=\"text-align: left\"><em>Startfoto: Das Foto zeigt rote Sedimente, die das Grubenhaus f\u00fcllen und die umliegenden menschlichen Skelette umgeben. Die Haltung eines Mannes, der \u00fcber der Feuerstelle mit dem Kopf und den H\u00e4nden zur T\u00fcr gerichtet liegt, deutet darauf hin, dass sein Tod schnell und unerwartet eingetreten ist, so dass er das Haus nicht verlassen oder sich auch nur in die N\u00e4he des Ausgangs begeben konnte (Foto: M. Wagner).<\/em><\/h6>\n<hr \/>\n<p><strong><br \/>Die Geschichte einer pr\u00e4historischen Katastrophe<\/strong><\/p>\n<p>In einer Siedlung der Qijia-Kultur aus der Zeit zwischen 2100 und 1800 Jahren v. Chr. am Oberlauf des Gelben Flusses in der Provinz Qinghai, China, wurden bei Ausgrabungen zwanzig menschliche Skelette in drei Grubenh\u00e4usern gefunden. Bilder ihrer Lage und Haltung erinnerten an Pompeji. Die Menschen\u00a0 waren offensichtlich einer Katastrophe zum Opfer gefallen. Aber welche Art von Ungl\u00fcck hatte sie getroffen?<\/p>\n<div id=\"attachment_1059\" style=\"width: 383px\" class=\"wp-caption alignleft\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-1059\" class=\" wp-image-1059\" src=\"https:\/\/www.dainst.blog\/bridging-eurasia\/wp-content\/uploads\/sites\/2\/2020\/05\/Bild1-800x576.jpg\" alt=\"\" width=\"373\" height=\"268\" srcset=\"https:\/\/www.dainst.blog\/bridging-eurasia\/wp-content\/uploads\/sites\/2\/2020\/05\/Bild1-800x576.jpg 800w, https:\/\/www.dainst.blog\/bridging-eurasia\/wp-content\/uploads\/sites\/2\/2020\/05\/Bild1-768x553.jpg 768w, https:\/\/www.dainst.blog\/bridging-eurasia\/wp-content\/uploads\/sites\/2\/2020\/05\/Bild1.jpg 914w\" sizes=\"(max-width: 373px) 100vw, 373px\" \/><p id=\"caption-attachment-1059\" class=\"wp-caption-text\">Topographische Karte, die den Standort des Dorfes und des arch\u00e4ologischen Fundplatzes Lajia, Kreis Minhe, Provinz Qinghai, am Oberlauf des Gelben Flusses zeigt.<\/p><\/div>\n<p>Im M\u00e4rz und September 2002 besuchte ein multidisziplin\u00e4res Team aus Wissenschaftlern des Instituts f\u00fcr Denkm\u00e4ler und Arch\u00e4ologie der Provinz Qinghai, des Deutschen Arch\u00e4ologischen Instituts und des Instituts f\u00fcr Geo\u00f6kologie der Universit\u00e4t Potsdam den Fundplatz Lajia. Das gemeinsame Ziel war, die Landschafts- und Kulturentwicklung w\u00e4hrend der Qijia-Kultur (ca. 2300-1800 v. Chr.) im Becken von Guanting zu erforschen. Die erste und spannendste Frage war, was t\u00f6tete die Leute in Lajia?<\/p>\n<p>Um Mensch-Umwelt-Beziehungen interpretieren zu k\u00f6nnen, m\u00fcssen viele Aspekte ber\u00fccksichtigt werden. Die Natur kann sich graduell oder abrupt ver\u00e4ndern, wobei verschiedene Reaktionen ausgel\u00f6st werden k\u00f6nnen. Der Mensch hingegen greift oftmals in die Natur ein, sei es bewusst oder unbewusst. Anhand von Umweltarchiven k\u00f6nnen verschiedene Faktoren untersucht und die Vergangenheit rekonstruiert werden. Die Ergebnisse bez\u00fcglich des Dorfes Lajia, st\u00fctzen sich haupts\u00e4chlich auf Analysen von Sedimenten, Wacholderholz und arch\u00e4ologischen Funden.<\/p>\n<p>Drei Hypothesen sollten \u00fcberpr\u00fcft werden:<\/p>\n<p><em>Hypothese 1, Flut des Gelben Flusses:<br \/><\/em>Lajia liegt auf der Schwemmterrasse des Gelben Flusses und in einem Gebiet, indem der Sommermonsun vorherrschend ist. In Verbindung mit geringer Vegetation und dem dortigen Bergrelief, kann der Oberfl\u00e4chenabfluss schnell stattfinden und in einer \u00dcberschwemmung resultieren. Die in den H\u00e4usern gefundenen Skelette befinden sich teilweise in einer Position, die als schwimmende Haltung interpretiert wurde. Jedoch unterscheidet sich das Sediment von denen des Flusses und des Schwemmlandes erheblich. Es sind rote Sedimente, die die B\u00f6den der H\u00e4user bedecken und in denen die Skelette stecken.<\/p>\n<div id=\"attachment_1065\" style=\"width: 810px\" class=\"wp-caption alignnone\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-1065\" class=\"size-medium wp-image-1065\" src=\"https:\/\/www.dainst.blog\/bridging-eurasia\/wp-content\/uploads\/sites\/2\/2020\/05\/Schlucht-800x587.jpg\" alt=\"\" width=\"800\" height=\"587\" srcset=\"https:\/\/www.dainst.blog\/bridging-eurasia\/wp-content\/uploads\/sites\/2\/2020\/05\/Schlucht-800x587.jpg 800w, https:\/\/www.dainst.blog\/bridging-eurasia\/wp-content\/uploads\/sites\/2\/2020\/05\/Schlucht-768x563.jpg 768w, https:\/\/www.dainst.blog\/bridging-eurasia\/wp-content\/uploads\/sites\/2\/2020\/05\/Schlucht.jpg 874w\" sizes=\"(max-width: 800px) 100vw, 800px\" \/><p id=\"caption-attachment-1065\" class=\"wp-caption-text\">Die Schlucht des Gelben Flusses (a) befindet sich ca. 7 km flussabw\u00e4rts vom Fundplatz Lajia im Guanting-Becken (b). Ein schematisches topographisches Profil (c) veranschaulicht ein hypothetisches Hochwasserszenario im Guanting-Becken im Zusammenhang mit einer Stauung der Schlucht des Gelben Flusses durch das Erdbeben (Fotos und Zeichnung: P. Tarasov).<\/p><\/div>\n<p><em><br \/>Hypothese 2, Erdbeben: <br \/><\/em>In den H\u00e4usern sind Risse in den B\u00f6den erkennbar. Da sich Lajia in einem seismisch aktiven Gebiet befindet, liegt die Vermutung nahe, dass diese durch ein Erdbeben entstanden sein k\u00f6nnen.<\/p>\n<p><em>Hypothese 3, Murgang (Schlammlawine):<br \/><\/em>Kann der rote Schlamm in den H\u00e4usern aus h\u00f6herem Gel\u00e4nde abgerutscht sein? Der Ursprung des roten Sediments wurde in dem zwei Kilometer entfernten Gebirge entdeckt. Es konnte festgestellt werden, dass zersetzte feink\u00f6rnige Sedimente in einer so gro\u00dfen Menge erodiert und mit einem hohen Wasservorkommen ins Tal geflossen sind, dass sich ein alluvialer F\u00e4cher bildete, der den \u00f6stlichen Teil des pr\u00e4historischen Dorfes erreichte. Dadurch wird auch die Frage beantwortet, warum nur die H\u00e4user in diesem Abschnitt betroffen waren, und nicht das ganze Dorf auf der Terrasse, was bei einer \u00dcberschwemmung durch Flusshochwasser zu erwarten w\u00e4re.<\/p>\n<p>Vermutlich wurde eine Schlammlawine durch starke Regenf\u00e4lle ausgel\u00f6st und ihr Abgang durch ein Erdbeben verst\u00e4rkt. Sie traf Lajia mit hoher Geschwindigkeit und wahrscheinlich in der Nacht, denn die Menschen wurden in ihren H\u00e4usern \u00fcberrascht.<\/p>\n<div id=\"attachment_1063\" style=\"width: 513px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-1063\" class=\" wp-image-1063\" src=\"https:\/\/www.dainst.blog\/bridging-eurasia\/wp-content\/uploads\/sites\/2\/2020\/05\/Landschaftsmodell-800x559.jpg\" alt=\"\" width=\"503\" height=\"351\" srcset=\"https:\/\/www.dainst.blog\/bridging-eurasia\/wp-content\/uploads\/sites\/2\/2020\/05\/Landschaftsmodell-800x559.jpg 800w, https:\/\/www.dainst.blog\/bridging-eurasia\/wp-content\/uploads\/sites\/2\/2020\/05\/Landschaftsmodell-768x537.jpg 768w, https:\/\/www.dainst.blog\/bridging-eurasia\/wp-content\/uploads\/sites\/2\/2020\/05\/Landschaftsmodell.jpg 880w\" sizes=\"(max-width: 503px) 100vw, 503px\" \/><p id=\"caption-attachment-1063\" class=\"wp-caption-text\">Landschaftsmodell, das den n\u00f6rdlichen Teil des Guanting-Beckens zeigt: einen gro\u00dfen Schwemmf\u00e4cher, der von einer oder mehreren Schlammlawinen erzeugt wurde, und die modernen D\u00f6rfer Lajia und Guanting, die au\u00dferhalb des Schwemmf\u00e4chers zwischen dem Gelben Fluss und den roten Bergen liegen (nach: Hoffmann 2003). Das Trockental eines kleinen Nebenflusses des Gelben Flusses ist in der modernen Landschaft gut ausgepr\u00e4gt und verbindet die Quelle des roten Sediments mit den alten H\u00e4usern (schwarzes Quadrat), die durch die Schlammlawine zerst\u00f6rt wurden.<\/p><\/div>\n<p>Eines ist klar, die Leute haben von diesem Ungl\u00fcck gelernt. In den n\u00e4chsten Jahrtausenden bauten sie keine H\u00e4user mehr an dieser gef\u00e4hrlichen Stelle.<\/p>\n<p><strong>Die ganze Geschichte und was die Forschung in Lajia mit dem Ursprungsmythos der chinesischen Zivilisation zu tun hat erfahren Sie hier:<\/strong><br \/><a href=\"https:\/\/www.dainst.blog\/bridging-eurasia\/wp-content\/uploads\/sites\/2\/2020\/05\/Tarasov_Wagner_Environment-ChineseAntiquity_BCAA7_2015.pdf\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Tarasov_Wagner_Environment-ChineseAntiquity_BCAA7_2015<\/a><\/p>\n<div id=\"attachment_1064\" style=\"width: 810px\" class=\"wp-caption alignnone\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-1064\" class=\"size-medium wp-image-1064\" src=\"https:\/\/www.dainst.blog\/bridging-eurasia\/wp-content\/uploads\/sites\/2\/2020\/05\/Rote-Berge-800x382.jpg\" alt=\"\" width=\"800\" height=\"382\" srcset=\"https:\/\/www.dainst.blog\/bridging-eurasia\/wp-content\/uploads\/sites\/2\/2020\/05\/Rote-Berge-800x382.jpg 800w, https:\/\/www.dainst.blog\/bridging-eurasia\/wp-content\/uploads\/sites\/2\/2020\/05\/Rote-Berge-768x366.jpg 768w, https:\/\/www.dainst.blog\/bridging-eurasia\/wp-content\/uploads\/sites\/2\/2020\/05\/Rote-Berge.jpg 872w\" sizes=\"(max-width: 800px) 100vw, 800px\" \/><p id=\"caption-attachment-1064\" class=\"wp-caption-text\">Blick auf die &#8218;roten Berge&#8216; ca. 2 km n\u00f6rdlich vom Fundplatz Lajia, (a) aus Distanz und (b) aus der N\u00e4he (Fotos: P. Tarasov).<\/p><\/div>\n<h4><strong>\u00a0<\/strong><\/h4>\n<h4><strong>Autorin: Annika G\u00f6rnt<\/strong><\/h4>\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator\" \/>\n\n\n\n<h6 class=\"wp-block-heading\">Blogmaster: Pascal Olschewski<\/h6>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Arch\u00e4ologen, Historiker und Geowissenschaftler untersuchen die Vergangenheit des Menschen und der Natur mit verschiedenen Fragestellungen und Datierungsmethoden, doch sie besch\u00e4ftigen sich alle mit den Interaktionen von Mensch und Umwelt. Einige Fragen sind nicht immer leicht zu beantworten, wie beispielsweise:Was ist den Menschen im chinesischen Lajia zugesto\u00dfen? Wurden sie von einer Flut \u00fcberrascht? Hat ein Erdbeben gew\u00fctet? 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