{"id":1912,"date":"2020-11-16T17:10:41","date_gmt":"2020-11-16T16:10:41","guid":{"rendered":"https:\/\/www.dainst.blog\/bridging-eurasia\/?p=1912"},"modified":"2021-06-21T10:23:50","modified_gmt":"2021-06-21T08:23:50","slug":"ohne-ihn-kein-sushi","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.dainst.blog\/bridging-eurasia\/ohne-ihn-kein-sushi\/","title":{"rendered":"Ohne ihn kein Sushi"},"content":{"rendered":"<p>In zwei neuen Publikationen zur Arch\u00e4ologie Ostasiens geht es um Reis. Dass er nicht in Japan, sondern in China domestiziert wurde, ist klar. Aber wann die ersten Reissamen und die Kenntnis des Reisanbaus nach Japan gelangten, ob die Inselbewohner sie sofort annahmen, schnell weitergaben und Reis zu ihrem Grundnahrungsmittel machten, dar\u00fcber gibt es&nbsp; weit weniger Informationen als Fragen. Wie \u00fcberall und immer ist die Geschichte komplexer, variantenreicher und weit von einem schl\u00fcssigen Endergebnis entfernt. Um uns einen \u00dcberblick \u00fcber die Gesamtdynamik zu verschaffen, haben wir alle 179 verf\u00fcgbaren Altersbestimmungen von verkohlten Reisk\u00f6rnen aus Ausgrabungen in Japan und Korea regional und chronologisch sortiert, weitere K\u00f6rner datiert und das neue Altersmodell mit der Bev\u00f6lkerungsentwicklung verglichen. An einer Siedlung des 4. Jh. v. Chr. bis 1. Jh. n. Chr. in Ost-Japan, Maenakanishi, haben wir uns den Fundzusammenhang von Reis und Hausformen genauer angesehen. Beide Unternehmungen f\u00fchrten zu unerwarteten Ergebnissen und anregenden Hypothesen.<\/p>\n<hr>\n<h6><strong><em>Sushi in Japan: handliche und \u00e4sthetische H\u00e4ppchen mit erlesenen Bestandteilen: Fisch des h\u00f6chsten Frischegrades und Reis der feinsten Sorte verbunden durch reine Wasabi-Paste. Belegter Reis ist keineswegs so allt\u00e4glich wie belegte Brote, es braucht Ausbildung und Erfahrung, um Sushi machen zu k\u00f6nnen. Ein Meister greift f\u00fcr jedes St\u00fcck immer genau gleich viel gekochten Reis aus dem Topf, es hei\u00dft, bei den Gro\u00dfen des Fachs ist sogar die Anzahl der Reisk\u00f6rner in jedem St\u00fcck Sushi gleich. Foto: Christian Leipe<br><\/em><\/strong><\/h6>\n<h6>&nbsp;<\/h6>\n<p><\/p>\n<p><strong><u>Die Verbreitung von Reis nach Japan: Einsichten aus der Bayes-Analyse von direkten Radiokarbondaten und der Bev\u00f6lkerungsdynamik in Ostasien<\/u><\/strong><\/p>\n<p>Der Beginn des Reisanbaus in Japan geht einher mit dem \u00dcbergang von der Jomon- zur Yayoi-Kultur zwischen dem 10. und 4. Jh. v. Chr. auf den Inseln Kyushu, Shikoku und Honshu. Im Zentralen Hochland k\u00f6nnte Reis schon im 11. Jh. v. Chr. bekannt gewesen sein als das Gebiet noch von Gruppen der Finalen Jomon-Kultur bewohnt wurde, die den Reis vor allem bei Ritualen verwendeten. Im 9. Jh. v. Chr. erscheint Reis in West-Japan (n\u00f6rdliches Kyushu) und wird von dort schrittweise \u00fcber Ost-Japan weiterverbreitet. Dieses nichtlineare Verbreitungsmuster ergibt sich vermutlich daraus, dass die Jomon J\u00e4ger-Fischer-Sammler-Gruppen in Ost-Japan unterschiedlich schnell die Kulturpraktiken annahmen, die vom eurasischen Festland her\u00fcberkamen. Die entscheidenden Antriebsfaktoren f\u00fcr Einwanderung der fr\u00fchen Reisbauern nach Japan etwa ab 1000 v. Chr. sind wahrscheinlich soziopolitischer Natur. Etwa f\u00fcnfhundert Jahre zuvor waren sie auf die koreanische Halbinsel vorgedrungen. Vieles deutet darauf hin, dass Transformationen in China die Bewegung ausgel\u00f6st hatten: (i) die Ausdehnung des K\u00f6nigreiches Shang nach Osten zwischen 1600 und 1400 v. Chr., (ii) das anschlie\u00dfende Vordringen des Folgestaates Zhou nach dessen Sieg \u00fcber Shang 1045 v. Chr. und dessen Einrichtung von Satellitenstaaten wie Lu (heutige Provinz Shandong) und Yan (heutiges Beijing), (iii) die St\u00e4rkung der Lokalreiche w\u00e4hrend des fr\u00fchen 8. Jahrhunderts v. Chr. nachdem agropastorale Gruppen aus den westlichen und n\u00f6rdlichen Steppen das Reichszentrum der Zhou eingenommen und sie geschw\u00e4cht nach Osten abgedr\u00e4ngt hatten. Die allm\u00e4hliche Abnahme der Niederschl\u00e4ge seit dem mittleren\/sp\u00e4ten Holoz\u00e4n an der Nordgrenze des Sommermonsuns, zum Beispiel am Mittellauf des Gelben Flusses, hatte geringere Ernteertr\u00e4ge zur Folge. Das trug wahrscheinlich auch zu der allgemeinen Bev\u00f6lkerungsdynamik und dem Vordringen der Reisbauern auf die koreanische Halbinsel und nach Japan bei.<\/p>\n<h6><strong><em>Der komplette Artikel steht zum freien Download auf der angegebenen Webseite zur Verf\u00fcgung:<br><\/em><\/strong><em>Leipe, C., Long, T., Wagner, M., Goslar, T., Tarasov, P.E. (2020) The spread of rice to Japan: Insights from Bayesian analysis of direct radiocarbon dates and population dynamics in East Asia. Quaternary Science Reviews 244, 106507. <\/em><a href=\"https:\/\/doi.org\/10.1016\/j.quascirev.2020.106507\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\"><em>https:\/\/doi.org\/10.1016\/j.quascirev.2020.106507<\/em><\/a><\/h6>\n<p><\/p>\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator\" \/>\n\n\n<p><strong><u>Rituelle Praktiken und soziale Organisation am Fundplatz Maenakanishi der Mittleren Yayoi-Kultur in Ost-Japan<\/u><\/strong><\/p>\n<p>Die Freilegung von Teilen der Siedlung Maenakanishi (4. Jh. v. Chr. bis 1. Jh. n. Chr.) durch japanische Arch\u00e4ologen und unsere gemeinsame Analyse und Interpretation der Pflanzenreste und Bauten lassen darauf schlie\u00dfen, dass Reis kein Getreide f\u00fcr den t\u00e4glichen Bedarf aller Gemeindemitglieder war. In den etwa 10-15 m<sup>2<\/sup> kleinen, rechteckig-ovalen Grubenh\u00e4usern liegt das Verh\u00e4ltnis der Funde von Reis:Hirse zwischen 0 und 1,18. Zu dieser Siedlung geh\u00f6rte aber auch ein Pfahlbauhaus von 30-35 m<sup>2<\/sup> Grundfl\u00e4che, das durch einen Zaun aus Holzstangen von der Ansammlung der kleinen H\u00e4user abgegrenzt war, mehrfach an derselben Stelle neugebaut wurde, und an eine Niederung mit Quellen bis zum Flussufer grenzte. Direkt neben dem erh\u00f6hten gro\u00dfen Geb\u00e4ude und auch im umz\u00e4unten Bereich lag ein Grubenhaus, in dem nicht nur insgesamt mehr Getreidek\u00f6rner gefunden wurden, sondern der Anteil von Reis deutlich h\u00f6her ist, das Verh\u00e4ltnis Reis:Hirse liegt hier bei 11,52. Nach einem Vergleich mit religi\u00f6sen Praktiken und deren architektonischen Rahmen im fr\u00fchhistorischen Japan und China, Wassersymbolik und Ahnenkult, halten wir folgendes Szenario f\u00fcr vorstellbar: Das Areal zwischen Zaun und Flussufer war einer Person von hohem Stand und\/oder Ritualen f\u00fcr die St\u00e4rkung der sozialen Stratifikation vorbehalten, bei denen Reis und Wasser, m\u00f6glicherweise die Zubereitung von Reis f\u00fcr Speiseopfer, eine zentrale Rolle spielten. Traditionell wird angenommen, dass soziale Hierarchie w\u00e4hrend der Yayoi-Zeit allm\u00e4hlich entstanden sei, doch mit diesem fr\u00fchen Befund erscheint es uns plausibler davon auszugehen, dass die neue gesellschaftliche Struktur mit religi\u00f6sen und politischen Herrschern von den Einwanderern zusammen mit allen anderen kulturellen und technischen Komponenten ihres Lebensstils wie Kulturpflanzen, neue Keramikgef\u00e4\u00dftypen und Metalle vom Kontinent mitgebracht wurde.<\/p>\n<h6><strong><em>Der komplette Artikel steht zum freien Download auf der angegebenen Webseite zur Verf\u00fcgung:<br \/><\/em><\/strong>Leipe, C., Kuramochi, S., Wagner, M., Tarasov, P. E. (2020) Ritual practices and social organisation at the Middle Yayoi culture settlement site of Maenakanishi, eastern Japan. <em>Archaeological and Anthropological Sciences<\/em> 12, Article number 134 <a href=\"https:\/\/doi.org\/10.1007\/s12520-020-01098-y\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">https:\/\/doi.org\/10.1007\/s12520-020-01098-y<\/a><\/h6>\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator\" \/>\n\n\n<h4>Mehr zu diesem Thema erfahren Sie in diesen Beitr\u00e4gen:<\/h4>\n<p><a href=\"https:\/\/www.dainst.blog\/bridging-eurasia\/groundcheck-in-nordostasien-wandel-von-klima-und-ernaehrungskulturen-seit-der-letzten-eiszeit\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">https:\/\/www.dainst.blog\/bridging-eurasia\/groundcheck-in-nordostasien-wandel-von-klima-und-ernaehrungskulturen-seit-der-letzten-eiszeit\/<\/a><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.dainst.blog\/bridging-eurasia\/wald-dringt-vor-die-menschen-weichen\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">https:\/\/www.dainst.blog\/bridging-eurasia\/wald-dringt-vor-die-menschen-weichen\/<\/a><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.dainst.blog\/bridging-eurasia\/zeit-ball-zu-spielen-3000-jahre-alte-baelle-in-turfan-gefunden\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">https:\/\/www.dainst.blog\/bridging-eurasia\/zeit-ball-zu-spielen-3000-jahre-alte-baelle-in-turfan-gefunden\/<\/a><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.dainst.blog\/bridging-eurasia\/neueste-ergebnisse-zur-entwicklung-von-landwirtschaft-und-bevoelkerung-in-ostasien\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">https:\/\/www.dainst.blog\/bridging-eurasia\/neueste-ergebnisse-zur-entwicklung-von-landwirtschaft-und-bevoelkerung-in-ostasien\/<\/a><\/p>\n\n<h6>Blogmaster: Pascal Olschewski<\/h6>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In zwei neuen Publikationen zur Arch\u00e4ologie Ostasiens geht es um Reis. Dass er nicht in Japan, sondern in China domestiziert wurde, ist klar. Aber wann die ersten Reissamen und die Kenntnis des Reisanbaus nach Japan gelangten, ob die Inselbewohner sie sofort annahmen, schnell weitergaben und Reis zu ihrem Grundnahrungsmittel machten, dar\u00fcber gibt es&nbsp; weit weniger Informationen als Fragen. Wie \u00fcberall <a class=\"more-link\" href=\"https:\/\/www.dainst.blog\/bridging-eurasia\/ohne-ihn-kein-sushi\/\">&#8230;weiterlesen<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":11,"featured_media":1917,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[58,59,67,36],"class_list":["post-1912","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-allgemein","tag-altes_japan","tag-das_hokkaido_universum","tag-groundcheck","tag-mensch-umwelt"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.dainst.blog\/bridging-eurasia\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1912"}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.dainst.blog\/bridging-eurasia\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.dainst.blog\/bridging-eurasia\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.dainst.blog\/bridging-eurasia\/wp-json\/wp\/v2\/users\/11"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.dainst.blog\/bridging-eurasia\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=1912"}],"version-history":[{"count":10,"href":"https:\/\/www.dainst.blog\/bridging-eurasia\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1912\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":3152,"href":"https:\/\/www.dainst.blog\/bridging-eurasia\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1912\/revisions\/3152"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.dainst.blog\/bridging-eurasia\/wp-json\/wp\/v2\/media\/1917"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.dainst.blog\/bridging-eurasia\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=1912"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.dainst.blog\/bridging-eurasia\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=1912"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.dainst.blog\/bridging-eurasia\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=1912"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}