{"id":625,"date":"2019-09-26T13:31:53","date_gmt":"2019-09-26T11:31:53","guid":{"rendered":"https:\/\/www.dainst.blog\/bridging-eurasia\/?p=625"},"modified":"2021-08-03T16:23:46","modified_gmt":"2021-08-03T14:23:46","slug":"neueste-ergebnisse-zur-entwicklung-von-landwirtschaft-und-bevoelkerung-in-ostasien","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.dainst.blog\/bridging-eurasia\/neueste-ergebnisse-zur-entwicklung-von-landwirtschaft-und-bevoelkerung-in-ostasien\/","title":{"rendered":"Neueste Ergebnisse zur Entwicklung von Landwirtschaft und Bev\u00f6lkerung in Ostasien"},"content":{"rendered":"<p><strong>Hirse \u2013 das Korn der chinesischen Zivilisation<br \/><\/strong>Wo es domestiziert wurde, wann und wie es sich in Jahrtausendschritten ausbreitete und auf das Bev\u00f6lkerungswachstum auswirkte.<\/p>\n<p>Hirse ist ein Getreide, das in Europa seit der sp\u00e4ten Bronzezeit und vor allem im Mittelalter als \u201eBrot des armen Mannes\u201c das Volk ern\u00e4hrte. Weizen, Gerste und Kartoffel verdr\u00e4ngten sie im vergangenen Jahrhundert vom Tisch in den Vogelfutternapf. Weil ihr das Klebereiwei\u00df Gluten fehlt, eignet sie sich schlecht zum Backen, doch sie ist reich an Eisen und Vitamin B6 und gewinnt heute zunehmend an Popularit\u00e4t bei Leuten mit Gluten-Intoleranz.<\/p>\n<p>Kaum jemand wei\u00df jedoch, dass die beiden am weitesten verbreiteten Arten \u2013 Rispenhirse (<em>Panicum miliaceum<\/em>) und Kolbenhirse (<em>Setaria italica<\/em>) \u2013 in China domestiziert wurden und so wie Weizen und Gerste in Mesopotamien die Voraussetzung f\u00fcr die ersten Staatsbildungen waren.<br \/>Von dort \u00fcbernahmen Gesellschaften nach und nach auf dem gesamten eurasischen Kontinent den Hirseanbau. Hirse gedeiht auch auf armen B\u00f6den, bei Trockenheit und anderen extremen Wetterbedingungen; sie hat eine kurze Vegetationsperiode und erfordert relativ wenig Aufwand f\u00fcr Anbau, Ernte und Verarbeitung zu s\u00e4ttigenden Gerichten. In marktwirtschaftlicher Hinsicht bietet eine Hirseernte also ein optimales Verh\u00e4ltnis von Aufwand und Nutzen. Seit dem 1. Jahrtausend v. Chr. wurde Hirse in Fruchtfolge mit Winterweizen auf ein und demselben Feld angebaut \u2013 ein wichtiger Faktor, um Ertr\u00e4ge pro Fl\u00e4che zu erh\u00f6hen und das Risiko von Ernteausf\u00e4llen durch Witterung oder Sch\u00e4dlinge zu minimieren.<\/p>\n<p>Trotz ihrer Bedeutung als staatstragende Kulturpflanze ist ihre Geschichte erstaunlich wenig erforscht: Wo und wann wurde sie domestiziert, d.h. die Wildpflanze genetisch so ver\u00e4ndert, dass sie sich f\u00fcr den Anbau und zuverl\u00e4ssige Ernte eignete? Wie lange dauerte ihre Verbreitung vom Ursprungsgebiet in alle Richtungen und welche Wege nahm sie? Welche Wirkung hatte sie auf demographische Entwicklungen? Die Informationen sind widerspr\u00fcchlich, weil sie zumeist aus indirekten Nachweisen stammen.<\/p>\n<p>Eine aktuelle Studie von C. Leipe, T. Long, E. A. Sergusheva, M. Wagner und P. E. Tarasov legt einen neuen Datensatz von 184 direkt datierten Hirsefunden aus Ostasien vor und bietet auf der Grundlage einer Bayes-Modellierung aller Daten \u00fcberraschende Antworten.<\/p>\n<p>Domestiziert wurde Hirse ca. 5800 Jahre v. Chr. von den Bewohnern der Schwemmebene des Gelben und des Liao Flusses um die Bucht von Bohai herum. Also nicht am Mittellauf der des Gelben Flusses, der sogenannten \u201eWiege der chinesischen Zivilisation\u201c. Die Gemeinschaften dort \u00fcbernahmen sie erst etwa tausend Jahre sp\u00e4ter um 4600 v. Chr. Nach einem weiteren Jahrtausendschritt wurde sie um 3200 v. Chr. auch am Oberlauf des Gelben Flusses und um 3400 v. Chr. am Oberlauf des Yangzi angebaut. <br \/>N\u00e4chste Station Richtung Westen war nach heutiger arch\u00e4ologischer Fundlage S\u00fcdost-Kasachstan um 2300 v. Chr. und nicht Xinjiang, was n\u00e4her liegen w\u00fcrde. Dort erscheint domestizierte Hirse erst um 1900 v. Chr. und zwar zusammen mit Weizen und Gerste sowie Schaf\/Ziege und Rind, mitgebracht von einwandernden Gemeinschaften aus Kasachstan, die in der Andronovo-Kultur ihren Ursprung haben oder mit ihr verwandt sind. Da war Hirse bereits Teil eines komplexeren, in Zentralasien ausgebildeten Wirtschaftssystems, das west- und ostasiatische Haustiere und Nutzpflanzen vereinigt hatte.<br \/>Der Hirseanbau wurde nach l\u00e4ngerem Desinteresse auch \u00f6stlich und n\u00f6rdlich des Ursprungsgebiets angenommen: um 3700 v. Chr. auf der koreanischen Halbinsel und um 2900 v. Chr. im fruchtbaren Khanka-Ussuri-Gebiet im russischen Fernen Osten. Um 1000 v. Chr. brachten Einwanderer von Korea aus Hirse und Reis zusammen mit Bronze und Eisen auf die japanischen Inseln Kyushu und Honshu. Mit ihnen begann in Japan b\u00e4uerliches Leben.<\/p>\n<p>Was bedeuten diese Daten des Hirse-Feldbaus f\u00fcr die Bev\u00f6lkerungsentwicklung in China?<br \/>Verglichen mit einer Statistik von Fundplatzzahlen, die zur qualitativen Absch\u00e4tzung der Bev\u00f6lkerungsgr\u00f6\u00dfe herangezogen wird, zeigen sich folgende Trends: exponentieller Anstieg von 6400 bis 1900 v. Chr., drastischer Abfall zwischen 1900 und 1600 v. Chr. und Wiederanstieg bis zur historischen Zeit. F\u00fcr die beiden Anstiege der Bev\u00f6lkerungszahlen und den Abbruch dazwischen liefern die Autoren Erkl\u00e4rungsans\u00e4tze. Das erste Bev\u00f6lkerungswachstum nahm umso mehr an Fahrt auf, je gr\u00f6\u00dfer die Anbaufl\u00e4che wurde. Am Ende war Nordchina die bev\u00f6lkerungsreichste Region der Welt, erste massiv befestigte Siedlungszentren, Herrscherresidenzen und Ritualzentren entstanden. Der H\u00f6hepunkt war nach der sp\u00e4teren chinesische Geschichtsschreibung und Mythologie die Regierungszeit der ersten K\u00f6nigsdynastie Xia am Mittellauf des Gelben Flusses, mit der die chinesische Zivilisation begonnen haben soll, die aber arch\u00e4ologisch noch nicht zweifelsfrei nachgewiesen wurde. Vor allem war es das Zeitalter der Kulturheroen. Einer der mythischen Helden war Houji \u2013 Herr oder Gott der Hirse, dem die Unterweisung des Volkes im Anbau des Getreides zugeschrieben wird und den die dritte Dynastie Zhou (ab 1045 v. Chr.) als ihren mythischen Stammvater ansah.<\/p>\n<p>Die Ballungsgebiete am mittleren und unteren Gelben Fluss und Yangzi leerten sich nach 1900 v. Chr., die Residenzen wurden verlassen. Welche Gr\u00fcnde dieser Abbruch hatte, ist eine der spannendsten aktuellen Forschungsfragen, zu der es bislang verschiedene Hypothesen gibt. Mit Sicherheit hatte die Einwanderung von Gruppen aus Norden in den vorausgehenden Jahrhunderten damit zu tun, die das westasiatische Wirtschaftssystem mit Weizen, Gerste, Schaf\/Ziege und Rind sowie Bronzetechnologie brachten. Nichts davon gab es vorher in China, aber alles war am zweiten \u00f6konomischen und demographischen Aufschwung beteiligt.<\/p>\n<p>Auch in Nordchina hat die Hirse den Wettbewerb um Platz Eins der Grundnahrungsmittel an Weizen verloren, doch wie \u00fcberall in der Welt k\u00f6nnte sich das bald \u00e4ndern. Als strategische Kulturpflanze zur Sicherung unserer Ern\u00e4hrung in Zeiten von globaler Klimaerw\u00e4rmung und wachsender Weltbev\u00f6lkerung steigt das Ansehen von Rispenhirse wieder.<\/p>\n<p>Autoren: Mayke Wagner, Pavel Tarasov und Christian Leipe<\/p>\n<p><strong>C. Leipe, T. Long, E. A. Sergusheva, M. Wagner and P. E. Tarasov: <\/strong><strong>Discontinuous spread of millet agriculture in eastern Asia and prehistoric population dynamics <br \/><\/strong><strong><em>Science Advances<\/em>\u00a0<\/strong><strong> 25 Sep 2019: Vol. 5, no. 9, eaax6225,\u00a0 DOI: 10.1126\/sciadv.aax6225 <br \/><\/strong><a href=\"https:\/\/advances.sciencemag.org\/content\/5\/9\/eaax6225.abstract\">https:\/\/advances.sciencemag.org\/content\/5\/9\/eaax6225.abstract<\/a><\/p>\n<div id=\"attachment_623\" style=\"width: 610px\" class=\"wp-caption alignnone\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-623\" class=\"wp-image-623 size-full\" src=\"https:\/\/www.dainst.blog\/bridging-eurasia\/wp-content\/uploads\/sites\/2\/2019\/09\/Fig1_Kolbenhirse_DAI_Blog_20191026.jpg\" alt=\"\" width=\"600\" height=\"400\" srcset=\"https:\/\/www.dainst.blog\/bridging-eurasia\/wp-content\/uploads\/sites\/2\/2019\/09\/Fig1_Kolbenhirse_DAI_Blog_20191026.jpg 600w, https:\/\/www.dainst.blog\/bridging-eurasia\/wp-content\/uploads\/sites\/2\/2019\/09\/Fig1_Kolbenhirse_DAI_Blog_20191026-360x240.jpg 360w\" sizes=\"(max-width: 600px) 100vw, 600px\" \/><p id=\"caption-attachment-623\" class=\"wp-caption-text\">Kolbenhirse in Japan, Hokkaido, Nibutani. [Attribution: M. Hallgren-Brekenkamp; Copyright: DAI]<\/p><\/div>\n<p>\u00a0<\/p>\n<div id=\"attachment_624\" style=\"width: 610px\" class=\"wp-caption alignnone\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-624\" class=\"wp-image-624 size-full\" src=\"https:\/\/www.dainst.blog\/bridging-eurasia\/wp-content\/uploads\/sites\/2\/2019\/09\/Fig2_Goldhirse_DAI_Blog_20191026.jpg\" alt=\"\" width=\"600\" height=\"450\" \/><p id=\"caption-attachment-624\" class=\"wp-caption-text\">Hirsek\u00f6rner aus Deutschland. [Attribution: M. Hallgren-Brekenkamp; Copyright: DAI]<\/p><\/div>\n\n\n<p><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Hirse \u2013 das Korn der chinesischen ZivilisationWo es domestiziert wurde, wann und wie es sich in Jahrtausendschritten ausbreitete und auf das Bev\u00f6lkerungswachstum auswirkte. 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