Wie lernen wir voneinander? Lernen und Lehren aus der Sicht der Bauforschung im Langfristprojekt TransPergMikro


Der Methodenkompetenz kommt in der Bauforschung ein großer Stellenwert zu, da diese – ähnlich wie die Archäologie – keine rein theoretische Fachdisziplin ist, sondern zusätzlich auch praxis- und anwendungsbezogene Komponenten aufweist. So bietet das DFG-Langfristprojekt TransPergMikro den einzigartigen wissenschaftlichen Rahmen für die Vertiefung der Methoden und Ziele der Bauforschung als Teil der interdisziplinären und internationalen Kooperation mit der Klassischen Archäologie und Physischen Geographie ab der frühen Karrierephase.

Was bedeutet das konkret? Ausgewählt für die Mitarbeit in den Kampagnen sowie für die Vor- und Nachbereitungen an der TU Berlin werden Studierende, die bereits während der Bauaufnahme-Übungen im ersten Semester und auch in weiteren Seminaren durch außerordentlich gute Leistungen und ein großes Engagement aufgefallen sind. Die Auswahl dieser Studierenden erfolgt aufgrund der Anmeldefrist bei den türkischen Behörden gleich nach der Kampagne gemeinsam mit der Doktorandin (derzeit Léa Geisler & Ida Rewicki), in deren Projekt die Studierenden eingebunden sein werden.

Abb. 1 TransPergMicro-Workshop 2023 an der TU Berlin

Während der ersten Kampagne vertiefen die Studierenden ihre Kenntnisse der Bauaufnahme und Bauteilaufnahme, indem sie bei der systematischen Baudokumentation der Doktorandin mitarbeiten. Vor allem lernen die Studierenden durch das genaue Hinsehen immer leichter das Erkennen von Bauphasen, bautechnische und baukonstruktive Besonderheiten, aber auch historischer Zusammenhänge. Sie lernen nebenbei den wissenschaftlichen Betrieb der Ausgrabung kennen. Durch die wöchentlichen Vorträge und den täglichen Diskurs werden sie in die interdisziplinären Fragestellungen, Ziele und auch die unterschiedlichen Methoden der Fachdisziplinen eingeführt, die die Grundlage für das Langfristprojekt TransPergMikro darstellen. Die Doktorandin übernimmt während der mehrmonatigen Kampagne die Aufgabe der Lehrenden und festigt dabei nicht nur die Kompetenzen der Studierenden, sondern auch ihre eigenen. Um dieser anspruchsvollen Aufgabe gerecht zu werden, sind die Doktoranden in einem überschaubaren Maße an der TU Berlin in die Lehre eingebunden, beispielsweise als Lehrbeauftragte bei Bauaufnahme-Übungen oder in Seminaren und Exkursionen. Auf diese Weise können sie für die weitere Karriere auch Lehrkompetenzen vorweisen.

Die Studierenden können sich die Arbeit während der Kampagne im Rahmen des Masterstudiengangs als Wahlmodul oder Praktikum anrechnen lassen. Wer sich in der ersten Kampagne bewährt und auch mit Freude, Engagement bei der Sache ist bekommt das Angebot einer Masterarbeit im Rahmen des TransPergMikro Projekts. Das Objekt wird bereits am Ende des ersten Aufenthalts in Pergamon gemeinsam besichtigt, um den Umfang, die Fragestellung und die Ziele der Masterarbeit abzustecken. Aufgrund dieser intensiven Vorbereitung der Masterarbeit vor Ort können sich die Studierenden ein genaues Bild von ihrer Masterarbeit verschaffen, ein Exposé für die Anmeldung verfassen und bereits mit der Literaturrecherche und dem Verfassen der Forschungsgeschichte beginnen.

Abb. 2 Mit Studierenden in den Ostthermen

Die Masterarbeit selbst beginnt in der folgenden Kampagne und wird von der Doktorandin als Zweitgutachterin mitbetreut. Das ergibt Sinn, denn die Doktorandin ist während der gesamten Kampagne in Pergamon und steht dem Studierenden bei allen Fragen zur Seite. Nach Abschluss der Baudokumentation helfen die Studierenden auch noch der Doktorandin weiter in ihrem Projekt. Diese enge Vernetzung hat sich sehr bewährt, gibt allen Beteiligten eine enorme Sicherheit und führt zu einer fortwährenden Qualitätskontrolle. Die Doktorandin kann wiederum für ihre weitere Karriere die Betreuung von Abschlussarbeiten nachweisen. Während der Kampagne der Masterarbeit halten die Studierenden auch bereits einen ‚Evening-Talk‘ und stellen sich auf diese Weise dem Diskurs innerhalb der interdisziplinären Zusammenarbeit des Langfristprojekts. Die vor Ort erzielten Ergebnisse der Masterarbeit werden am Ende der Kampagne im jährlichen Werkstattgespräch zur Diskussion gestellt und nach Abschluss der Kampagne in Berlin ausgearbeitet, abgegeben und im Rahmen der wissenschaftlichen Aussprache verteidigt. Der nächste Schritt ist eine Zusammenfassung der Arbeit für den jährlichen Grabungsbericht, außerdem ein Vortrag zur Masterarbeit im Kontext des Gesamtprojektes im jährlichen Workshop am Beginn des Folgejahrs. Die wichtigsten Ergebnisse der Masterarbeit werden publiziert, je nach Qualität und Komplexität der Arbeit entweder in Zusammenarbeit mit der Projektleiterin oder auch ganz selbstständig von den Studierenden. Dabei müssen sie – wie bei allen wissenschaftlichen Aufsätzen – das Peer Review-Verfahren durchlaufen und werden auf diese Weise ganz selbstverständlich in die akademische Arbeitswelt eingeführt.

Abb. 3 Führung am Selinus

Wer diese einzelnen Schritte besonders erfolgreich absolviert hat und die eigene Zukunft in der Forschung sieht, beginnt nach dem Studium mit der Doktorarbeit im Rahmen des Projekts TransPergMikro. Aufgrund des systematischen Heranführens arbeiten die Doktoranden von Anfang an gut strukturiert und zielorientiert. Sie haben vertiefte Kenntnisse der Methoden und sind imstande für die verschiedenen Objekte auch die geeigneten Methoden auszuwählen. Sie sind dabei in das Gesamtprojekt und den interdisziplinären Diskurs eingebunden und organisieren selbständig über drei Jahre hinweg ihr Forschungsprojekt und werden dabei von der Projektleiterin betreut. Sie lernen im Rahmen dieser Doktorarbeit auch die Anleitung und Betreuung der in dem Projekt arbeitenden Studierenden. Im Weiteren betreuen sie während der Kampagne auch die im Projekt beteiligten türkischen Studierenden, die nicht selten so motiviert sind, dass sie Deutsch lernen und Bauforschung studieren wollen. Die Doktoranden stellen ihre Forschungsergebnisse während der drei Kampagnen in Pergamon in den ‚Evening-Talks‘, den Werkstattgesprächen und auch während der jährlichen Workshops vor, die sie gemeinsam mit den Doktoranden der anderen Fachdisziplinen organisieren. Da die Doktoranden so systematisch an ihre Forschung herangeführt wurden und auch während der Doktorarbeit eng betreut werden, können sie ihre Arbeit auch in der angemessenen Zeit erfolgreich abschließen.

Abb. 4 Vermessungsübung auf der Palästra

Zum Schluss ein Wort zur Arbeitsatmosphäre. Voneinander Lernen und erfolgreiches Arbeiten setzen eine angenehme und freundschaftliche Atmosphäre voraus, die Sicherheit und Struktur gibt. Wichtig ist eine umsichtige Zusammenarbeit, die jeden Charakter mit Toleranz und Feingefühl in die Gemeinschaft einbindet und dabei auch auf persönliche Belange Rücksicht nimmt. Nur wer sich verstanden, respektiert, akzeptiert und gemocht fühlt, kann zu einem wissenschaftlich denkenden Menschen gedeihen, Sicherheit gewinnen und bemerkenswerte Leistungen erzielen, ohne dabei überfordert zu sein.

So bietet das Langfristprojekt TransPergMikro auch einen einzigartigen Rahmen für die jungen Forschenden, ihre ersten Erfahrungen und Schritte in ihre wissenschaftliche Karriere zu machen, am Ende selbst noch mehr Verantwortung zu übernehmen und unsere kleinen Fächer auch in der Zukunft weiter zu tragen. Die Voraussetzungen dafür sind im Rahmen eines langangelegten Forschungsprojekts optimal.

Abb. 5 Bauteilaufnahme auf der Palästra

Abgeschlossene Masterarbeiten der ersten und zweiten Förderphase:

Camillo Dimai, Das Theater in der Unterstadt von Pergamon

Léa Geisler, Das sog. Untere Westliche Gymnasion von Pergamon

Neele Menter, Hüseyin Cinarlik, Die Westthermen von Pergamon

Ida Rewicki, Yannic Grohmann, Die antike Flusseinfassung und die angrenzenden Strukturen am Ostufer des Selinus in Pergamon


Laufende Masterarbeiten der dritten Förderphase:

Yorick Zimmerer, Die sogenannte Gurnellia – Substruktionen am südwestlichen Abhang des Stadtberges von Pergamon

Jonathan Becker, Die römischen Ruinen nordöstlich der Roten Halle in Pergamon


Doktorarbeiten der drei Förderphasen:

İhsan Yeneroğlu, Das Amphitheater von Pergamon, abgeschlossen

Léa Geisler, Die Ostthermen von Pergamon, demnächst abgeschlossen

Ida Rewicki, Die Transformation der Palästra des Gymnasions von Pergamon in der römischen Kaiserzeit, gerade begonnen


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