Auf der Suche nach der Quelle des Blauen Goldes

Eine Expedition in das Herz des Pamirs – Ein Beitrag von Jan Sabri Cetinkaya

120 Meter über den Köpfen des Expeditionsteams fließt ein blauer Strom durch die senkrechte weiße Marmorwand im Hochgebirge von Tadschikistan. Es ist jedoch kein erfrischender Gebirgsbach, der durch die kargen Weiten des Pamirs fließt, sondern eine bis zu mehreren Metern starke Lapislazuli-Ader, die sich durch den weißen Marmor zieht. So können die Forscher*Innen in ihm nicht ihren Durst stillen, wenn doch ihren Wissensdurst, denn sie sind auf der Suche nach dem „blauen Gold“ Zentralasiens.

Senkrechte Wand aus weißem Marmor (Foto: D. Steiniger, DAI)

Ein „edler“ Stein
Lapislazuli, ein tiefblaues Gestein, ist seit Jahrtausenden begehrter Rohstoff für Schmuck und Farben. Der Name des Edelsteins geht auf das lateinische lapis (Stein) und lazulum (blau) zurück und verspricht neben seiner blauen Farbe auch eine, von Europa betrachtet, exotische Herkunft: Ein anderer Name für ihn, „Ultramarin“, bedeutet nichts anderes als „jenseits des Meeres“. Wegen seiner Farbe begehrt, wird Lapislazuli seit ca. 7000 v.Chr. als Schmuckstein und Farbpigment verwendet. So finden wir ihn als Intarsien in der Totenmaske des Tutanchamuns und ebenso als Farbpigment in den Gemälden Jan Vermeers.


Der tiefblaue Stein ist in Zentralasien zu finden und Afghanistan gilt heute als das Hauptexportland, wo er unter teilweise menschenunwürdigen Bedingungen abgebaut wird und als eine wichtige Einnahmequelle der fundamentalistischen Taliban gilt. Dennoch existierten Sagen über weitere Vorkommen in den Tiefen des Pamirs im heutigen Tadschikistan. Diese Legenden wurden erst 1930 durch sowjetische Geologen wissenschaftlich belegt. Es folgte die wirtschaftliche Ausbeutung der Vorkommen von den 60er bis in die 90er Jahre. Eine archäologische Untersuchung der Rohstoffvorkommen und ihre möglicherweise antike Nutzung erfolgte jedoch nur unzureichend.

Verbreitungskarte von Lapislazuli in der Ur- und Frühgeschichte und der Antike (D. Steiniger, DAI)

Eine Expedition in die Tiefen der Zeit
In der Hoffnung, mehr über die Nutzung der Lapislazuli-Vorkommen in der Ur- und Frühgeschichte und Antike zu erfahren, macht sich 2019 ein Team des DAI, als Bestandteil des DFG-Projekts „RESAF – Ressourcennutzung und Antiker Bergbau in Afghanistan“, auf die Reise in die entlegenen Gebiete des Pamir-Gebirges. Für die archäologischen Untersuchungen in 4.500 Metern Höhe war eine akribische Planung und professionelle Ausrüstung notwendig. In der autonomen Provinz Berg-Badachschan angekommen, erforscht die „Tadschikisch-Deutsche Pamir Expedition“ (Таджикско – Немецкая Экспедиция Памир 2019) die Lapislazuli-Quellen und suchte nach umliegenden Siedlungsresten. In Tälern des Schachdara und Badomara werden die Forscher fündig: Neben bronze- und eisenzeitlichen Überresten in der Nähe der Ultramarin-Lagerstätten, werden auch Felszeichnungen entdeckt. Unterhalb davon stößt das Team auf ein Heiligtum mit einer Reihe von Artefakten, die im Zusammenhang mit dem Lapislazuli-Abbau stehen: Es handelt sich um Halbfabrikate aus Lapislazuli oder Reste von Bergbauwerkzeugen, wie steinerne Hämmer, die mit tiefen Bohrungen versehen sind. In ihnen wurde, als Opfergaben an die Götter, Schafstalg verbrannt.

Die Bedeutung des blauen Steins für die lokale Kultur lässt sich auch im Nordwesten Tadschikistans, an der Weltkulturerbestätte von Sarazm beobachten: Hier finden sich die Überreste eines wichtigen Zentrums aus dem vierten bis dritten Jahrtausend v. Chr.. Es ist auch die Grablege der „Prinzessin von Sarazm“, deren Grab neben Lapislazuli auch mit weiteren Edelsteinen und -Metallen ausgestattet wurde und ein eindrucksvoller Beleg für den Reichtum der Stadt ist. Dem deutsch-tadschikische Team gelingt es als Erste die Herkunft jener Grabbeigaben zu untersuchen und die vorläufigen Analyseergebnisse deuten darauf hin, dass sie tatsächlich aus Vorkommen in Tadschikistan stammen und diese damit bereits in der Ur- und Frühgeschichte ausgebeutet wurden.

Forschung in bewegten Zeiten und Regionen
2020 sollen die Arbeiten in Tadschikistan weitergeführt werden, die Pläne werden jedoch von der COVID-19-Pandemie durchkreuzt, die auch die entlegensten Regionen nicht verschont. Durch die angespannte Sicherheitslage in Afghanistan und die Unzugänglichkeit der dortigen Bergwerke, gewinnen die Forschungen in Tadschikistan eine bedeutende Rolle. So hoffen die Forscher*Innen so schnell wie möglich zurückkehren zu können, um den Lapislazuli-Bergbau in der Antike und die Verbreitungswege des Steins zu erforschen. Vielleicht erfahren sie dann mehr über den Quell des blauen Stroms, der seit Jahrtausenden aus den Höhen des Pamirs in die Welt fließt.

Weitere Informationen im aktuellen e-Forschungsbericht: https://publications.dainst.org/journals/index.php/efb/article/view/2718

Der Beitrag von Jan Sabri Cetinkaya entstand im Rahmen des Fernpraktikums zur Wissenschaftskommunikation am DAI 2021.

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