Von Mini zu Mega: Prospektion von Siedlungen und Megasites der Cucuteni-Tripolje-Kultur in Rumänien und Moldawien

Im Oktober 2019 hat sich ein Team des Referats für Prospektions- und Grabungsmethodik der RGK auf den langen Weg ins nordöstliche Rumänien und in die Republik Moldau begeben, um Siedlungen der Cucuţeni-Tripolje-Kultur zu prospektieren. Mit im Gepäck waren unsere beiden Magnetik-Systeme, das fahrzeuggestützte 14-Sonden- Messgerät und unser inzwischen ebenfalls fahrzeuggestützt einsetzbares 5-Sonden- Messgerät (SENSYS-MAGNETO© MX-ARCH), Drohnen und die Rammkernsonde samt Bohrequipment. Wir hatten einiges vor und haben am Ende sogar noch mehr geschafft als geplant. Neun Siedlungen der Cucuteni-Tripolje-Kultur und zwei eisenzeitliche Siedlungen später, hatten wir insgesamt 150 ha magnetisch prospektiert (Lage des Untersuchungsgebietes siehe Abb. 1)!

Aber von Anfang an:

Abbildung 1 Lage des Untersuchungsgebiets mit den Fundplätzen, die 2019 untersucht wurden (Fundorte in schwarz, in grau weitere Orte an denen wir waren; Karte: I. Hohle, RGK).

Während man grundsätzlich für Gesellschaften des Neolithikums (Jungsteinzeit) und der Kupferzeit (späte Jungsteinzeit/Übergang zur Bronzezeit) annimmt, dass sie in kleineren Gemeinschaften organisiert waren, bringen die in den frühen 1970er Jahren in der Ukraine entdeckten Siedlungen der Kupferzeit dieses Bild ins Wanken. Siedlungen der Cucuteni-Tripolje-Kultur erstreckten sich zwischen ca. 5000 – 2800 v. Chr. auf den heutigen Gebieten der Ukraine, Moldawien und Rumänien (etwa zwischen den östlichen Karpaten und dem Dnepr-Gebiet). Damit fällt das Auftreten dieser Kultur zeitlich zusammen mit den ersten sesshaft lebenden Ackerbauern der frühen Jungsteinzeit in Mitteleuropa (Bandkeramische Kultur, ca. 5500-5000/4900 v. Chr.). Die Cucuteni-Tripolje-Kultur wird in fünf größere Abschnitte eingeteilt. Die charakteristischen Megasites fallen dabei in die mittlere und spätere Phasen (ca. 4200-3600 v. Chr). Diese Megasites zeichnen sich neben ihrer beachtlichen Größe von teilweise mehreren hundert Hektar und durch die in konzentrischen Ringen angeordneten Häuser aus, die meist von Gräben umgeben sind. Im Zentrum der Siedlungen findet sich häufig ein freier, weitgehend unbebauter Raum und/oder Gebäude, die deutlich größer sind (sog. Megastrukturen), als die sonstigen Häuser einer Siedlung. Da es sich vor allem um verbrannte Häuser handelt, sind diese sehr deutlich in den Messbildern der Magnetometermessungen erkennbar (Abb. 2 zeigt die 2009 und 2011 von der RGK prospektierte Siedlung von Petreni in Moldawien).

Abbildung 2 Petreni (District Drochia). 1 Messbild der Magnetischen Prospektion. 2 Ausschnit mit den deutlich erkennbaren Anomalien der verbrannten Gebäude, erkennbar sind auch die Grabenstrukturen um die Siedlung sowie kreisförmige Anomalien, die auch deutlich im Luftbild erkennbar sind (3) (Grafik: R. Scholz, RGK)

Seit 2007 werden in Zusammenarbeit mit der Christian-Albrechts Universität Kiel (https://www.ufg.uni-kiel.de/de; http://archaeo-lounge.com/) Siedlungen der Cucuteni-Tripolje-Kultur in Rumänien, Moldawien und der Ukraine von der RGK prospektiert und seit 2015 in der Siedlung Stolniceni in Moldawien (Abb. 3) unter der Leitung von Dr. Stanislav Țerna (University High Anthropological School, Chisinau; https://www.facebook.com/HighAnthropologicalSchool/) Grabungen durchgeführt. Auch im Sommer 2019 wurde dort wieder gegraben.

Abbildung 3 Stolniceni (District Edineț). Umzeichnung und Interpretation des Magnetik-Messbildes, eingebettet in das digitale Geländemodell (Grafik: K. Rassmann, R. Scholz, RGK).

In diesem Jahr war es wieder an der Zeit, weitere Fundplätze zu prospektieren.

Ziel des Vorhabens ist, die bisher weitgehend auf einzelne Fundplätze konzentrierte Forschung zu erweitern und größere Regionen, die Siedlungen und ihr Umfeld weiträumig zu erschließen. Ein weiteres Anliegen ist es, möglichst unterschiedlich datierende Siedlungen zu erfassen, da sich die Siedlungsstruktur während der Cucuteni-Tripolje Kultur gravierend veränderte und die sogenannten Megasites nur in der Zeit etwa zwischen 4200 und 3600 v. Chr. bestanden haben. Um besser zu verstehen, was zu diesem auffälligen Phänomen der Megasites geführt hat mit ihren charakteristischen Anordnungen der Häuser, den Umfassungsgräben, den Wegen und vor allem auch die teilweise erstaunlich hohe Anzahl von Gebäuden (bis zu 2700 Häuser sind für manche Megasites belegt, wie in der über 300 ha großen Siedlung von Talianki/Ukraine) ist die Kenntnis des Siedlungsbildes vor und nach diesem Phänomen wichtig. In Zusammenarbeit mit unserem Kollegen Stanislav Țerna, der zahlreiche neue Fundplätze entdeckt hat, haben wir eine Auswahl an Siedlungen getroffen, die wir in der  Kampagne 2019 untersuchen wollten.

Im Zentrum unserer Arbeiten stand die magnetische Prospektion der Fundplätze, die mit Fernerkundungsdaten (UAV, Satelliten-Daten) ergänzt wurden.

Unsere Messungen begannen mit den beiden Fundplätzen Ștefănești und Săveni – Sat Nou im nordöstlichen Rumänien (Arbeiten in Kooperation mit Dr. Andrea Țerna vom Botoșani County Museum, https://muzeu.btlife.ro/). Beide Fundplätze wurden bereits 2017 prospektiert, aber da durch den Ackerbau nicht alle Bereiche der Siedlungen zugänglich gewesen sind, konnten die Fundplätze nicht vollständig erfasst werden. Dieses Jahr hatten wir zumindest in Ștefănești Glück und konnten die Siedlung annähernd vollständig in ihren Ausmaßen magnetisch prospektieren. Ștefănești (Phase B2/C1) weist die typische radial verlaufende Bebauung innerhalb eines die Siedlung umfassenden Grabens auf. Auffällig ist ein Gebäude im Zentrum, welches deutlich größer ist, als die sonstigen Gebäude der Siedlung. Ein bekanntes Phänomen, das man beispielsweise von den Siedlungen Stolniceni oder Petreni kennt. Die Siedlung Săveni – Sat Nou (Phase C1/C2) datiert später als Ștefănești und unterscheidet sich deutlich in der Siedlungsstruktur. Die Gebäude stehen in Gruppen mit unterschiedlich großen Häusern. Einen Umfassungsgraben gibt es nicht. Siedlungen mit einer nicht so eindeutigen Struktur, wie in Ștefănești, machen uns das Vorgehen bei der magnetischen Prospektion meist schwieriger, da wir keinem Graben oder der radialen Bebauung folgen können, die uns Hinweise zum Ausmaß einer Siedlung geben. Im Fall derartiger Siedlungen wie Sat Nou müssen die Messergebnisse immer wieder geprüft werden, um zu entscheiden, in welchen Bereichen weiter prospektiert wird. Weit auseinander liegende Hausgruppen erfordern somit weiträumig abgesteckte „Fenster“, so nennen wir es, wenn wir testweise Areale prospektieren, um einen Eindruck vom Ausmaß einer Siedlung zu erhalten.

Abbildung 4 Das Team der RGK beim Aufbau des 14-Sonden Messgeräts in Ștefănești (Foto: S. Țerna, Chisinau).

In Sat Nou waren leider nicht alle Flächen zugänglich oder manche durch Tiefpflug schwierig zu befahren (Abb. 5, Aufbau im morgendlichen Nebel). Da wir beide Magnetik-Systeme parallel einsetzen konnten, war es uns dennoch möglich, innerhalb eines Tages, inklusive Auf- und Abbau der Geräte (Auf- und Abbau unserer Messgeräte erfordert häufig den Einsatz des ganzen Teams, wie in Abb. 4; Einsatz des inzwischen fahrzeuggestützten 5-Sonden-Messgeräts in Abb. 6), den Fundplatz soweit zu erfassen, dass dessen Ausmaße weitestgehend rekonstruierbar sind.

Abbildung 5 Ankunft des Teams und Aufbau des Equipements im nebeligen Sat Nou (Foto: I. Hohle, RGK).

Abbildung 6 fahrzeuggestützter Einsatz des 5-Sonden Messgeräts in Sat Nou (Foto: M. Kohle, RGK).

Bevor wir weiter nach Moldawien fuhren, führte uns Andreea Țerna durch das Museum in Botoșani (Botoșani County Museum), und wir hatten sogar die Möglichkeit im Archiv zahlreiche wunderschöne Keramikgefäße der Cucuteni-Tripolje-Kultur anzuschauen (Abb. 7). Charakteristisch ist die meist rötlich-braune Bemalung der Gefäße mit spiralförmigen, mäandrierenden und geometrischen Verzierungen. Ebenfalls aus Ton hergestellt sind die für die Kultur typischen Figurinen, die meist Frauen darstellen.

Abbildung 7 Links: Das Museum in Botosani. Rechts: Im Archiv des Museums. Andrea Țerna (links im Bild) zeigt uns typische Keramik der Cucuteni-Tripolje-Kultur (Foto: I. Hohle, RGK).

Da auf einigen der anvisierten Fundplätze Wintergetreide angebaut wurde, wir dort also nicht prospektieren konnten, mussten wir teilweise auf andere Flächen ausweichen. Stanislav Țerna hat durch zahlreiche Erkundungen und Feldbegehungen mehrere Fundplätze entdeckt, sodass wir neben bereits bekannten auch neue Siedlungen untersuchen konnten. In Moldawien wurden die Siedlungen von Stolniceni 3, Răzălăi 8 und Răzălăi 10, Bleșteni, Șofrincani, Ochiul Alb und Sofia 5 untersucht. Mit Ausnahme der frühesten Stufe A, decken die untersuchten Siedlungen sämtliche Phasen der Tripolje-Kultur ab. Einige Beispiele hiervon stellen wir kurz vor.

Abbildung 8. Blick von der Siedlung Chiurt II in der Morgenstimmung. Die Siedlung ist nur wenige Kilometer von Stolniceni entfernt (Foto: I. Hohle, RGK).

Abbildung 9 Blick auf den Kurgan von Bleșteni im dichten Nebel (Foto: I. Hohle, RGK).

Ein stetiger Begleiter unserer Arbeiten in Moldawien war der teils dichte Nebel, der manchmal den ganzen Tag anhielt (Abb. 8). Fixpunkte, wie der Kurgan in Bleșteni, waren praktische Orientierungsmarker (Abb. 9).

In Ochiul Alb gab es bereits vor 10 Jahren eine kleine Prospektion. Im letzten Herbst ergab sich nun die Möglichkeit, diese Siedlung annähernd vollständig zu erfassen. Mit etwa 2,5 ha ist die Siedlung relativ klein, zeigt aber eine ähnliche Grundstruktur wie die etwa dreimal so große Siedlung Răzălăi X.

Dagegen zeigt Răzălăi VIII, eine Siedlung der späten Cucuteni-Tripolje-Kultur, ein ganz anderes Muster auf. Ähnlich wie in Sat Nou fanden sich dort die Häuser in kleineren Gruppen, teilweise weit voneinander entfernt (Abb. 10).

Abbildung 10 Ausschnitt aus dem Messbild von Răzălăi VIII (Grafik: RGK).

Unser Team führte im Herbst elf Bohrungen in Stolniceni durch in Strukturen, die anhand der Magnetometermessungen der letzten Jahre als Gruben interpretiert werden. Mit tatkräftiger Unterstützung durch zwei moldawische Arbeiter waren die Bohrungen bereits nach zwei Tagen abgeschlossen. Da wir nicht mit dem Auto auf die Fläche durften, transportierte ein Pferd unser Equipment auf einem Anhänger von Bohrpunkt zu Bohrpunkt (Abb. 11).

Stolniceni 3 (Abb. 12), westlich der Megasite von Stolniceni, liegt auf einem Sporn und es wurde vermutet, dass sich auch dort eine Siedlung der Cucuţeni-Tripolje-Kultur befindet. Unsere Messungen ergaben jedoch keine verbrannten Gebäude, sondern mehrere Strukturen, bei denen es sich wohl um Gruben handelt. Bisher ist noch nicht klar, was für ein Fundplatz hier vorliegt.

Abbildung 11 A. Grundmann (RGK) beim Bohren mit der Rammkernsonde in Stolniceni (Foto: S. Țerna, Chisinau).

Abbildung 12 Links: Blick von Stolniceni 3 nach Süden (Foto. J. Kalmbach RGK). Rechts: Magnetische Prospektion in Stolniceni 3 auf teils schwierigem Gelände (Foto: J. Kalmbach, RGK).

Während in Stolniceni fleißig gebohrt wurde, unterstützte der Rest des Teams am 25. und 26. Oktober in Horodiște Kollegen aus Moldawien (State University of Moldova http://usm.md/?page_id=10006&lang=en) sowie von den Universitäten Marburg und Jena (https://www.uni-marburg.de/de/fb06/vfg, http://www.ufls.uni-jena.de/Homepage.html). Wir prospektierten dort zwei eisenzeitliche Fundstellen, die sich gegenüber liegend auf Spornen befinden.

Anhand der Messergebnisse wurden schließlich von den Kollegen mit dem Pürckhauer Bohrstock Bohrungen an markanten Strukturen, wie Gräben durchgeführt (Abb. 13).

Abbildung 13 Prospektion in Horodiste, Einmessen und Markieren der Bohrpunkte (Mitte) und Bohren mit dem Pürckhauer Bohrstock (rechts) (Fotos: I. Hohle, M. Kohle, RGK)

Die Herbstkampagne war insgesamt sehr erfolgreich und die umfangreichen Daten, die dort generiert wurden, müssen nun ausgewertet werden, auch um das weitere Vorgehen planen zu können. Wir konnten nicht nur bekannte Fundplätze untersuchen, die bereits in früheren Kampagnen teilweiseprospektiert wurden, sondern auch bisher weitgehend unbekannte Siedlungen, bei denen Ausmaß und Struktur unklar waren, prospektieren, wie z.B. in Răzălăi VIII. Aber es bleiben noch viele Fragen offen, die möglicherweise durch genauere Untersuchungen einzelner Mikroregionen beantwortet werden können. Die Hintergründe der Veränderungen der Größe und Struktur der Siedlungen im Laufe der Cucuteni-Tripolje-Kultur sind noch immer ein Rätsel. Der Ursprung, die Bedeutung und das Ende der Megasites werden in der Forschung zum Teil kontrovers diskutiert. Wie Mosaiksteine werden die Daten aus den unterschiedlichen Fundplätzen zusammengesetzt und bringen uns einen Schritt näher zum Verständnis der Cucuteni-Tripolje-Kultur.

Ein besonders herzlicher Dank geht an unsere Kollegen Stanislav und Andrea Țerna!

Weitere Infos zum Thema über die e-Forschungsberichte des Deutschen Archäologischen Instituts:

https://publications.dainst.org/journals/efb/2116/6456

Startbild: Grafik: J. Fischer, Foto: S. Țerna