Workshop: (In)Visible Women – Wie sie unsere Vergangenheit prägten

Die Teilnehmenden während einer der angeregten Diskussionen (Attribution & Copyright: J. Sigl)

(In)Visible Women - Wie sie unsere Verganenheit prägten

Seit ihrer Entstehung hatten die modernen Wissenschaften aller Fachbereiche eines gemeinsam: Sie wurden dominiert von männlichen (und zumeist weißen) Forschern. Es ist heute unumstritten, dass sich dieser Umstand auf Forschungsschwerpunkte und die erarbeiteten Ergebnisse ausgewirkt hat. In den letzten Jahrzehnten wird vermehrt versucht eine Gleichstellung in Wissenschaftspersonal genauso wie in der Erarbeitung und Interpretation von Forschungsdaten zu erzielen. Ausgelöst durch die Beschäftigung mit chronologischen Daten aus Afrika beschäftigt sich somit auch unser Schwerpunktprogramm damit, auf welche Arten Frauen in diesen Daten repräsentiert werden.

Die Working Group „(In)Visible Women“ lud am 07.11.22 zu einem ersten Workshop ein. Ziel des Workshops war ein Austausch darüber, ob die „unsichtbaren“ Frauen hinten den in der Zeitgeschichte präsenten Namen ihrer Ehemänner, Brüder oder Söhne stärker in den Vordergrund gerückt werden sollten und welche Auswirkungen dies auf das Verständnis von Geschichtsschreibung hat. Konkrete Beispiele zur Genderfrage in der Interpretation archäologischer Funde dienten als Fallbeispiele und weitere Diskussionsgrundlage.

Ausgangspunkt auf Seiten der Initator:innen des Workshops war die Bearbeitung der dynastischen Chronologie des ptolemaischen Ägyptens und die daraus entstehende Frage, wie mit den Herrscherinnen abseits der berühmten Kleopatra VII. umzugehen sei. Nach einem Abriss über den aktuellen Forschungsstand bezüglich der ägyptischen Chronologie sowie der Reflexion von Frauen in den Informationswissenschaften entstand eine intensive Diskussion. Kernpunkte derselben waren einerseits die Regeln bzw. Richtlinien nach denen die auf männliche Herrschende basierenden Chronologien Ägyptens und anderer Reiche erstellt wurden. Andererseits wurde darauf eingegangen wie in der modernen bildlichen Darstellung archäologischer Forschungsergebnisse die Verbreitung von Geschlechts-Stereotypen gefördert und damit die wissenschaftlichen Ergebnisse ggf. unpräzise dargestellt werden.

Ein Eindruck der überarbeiteten Chronologie des ptolemaischen Ägyptens (Attribution & Copyright: J. Sigl)
Genderarchäologie in Theorie und Praxis (Attribution & Copyright: J.Sigl)

Im zweiten Teil des Workshops wurden Beispiele aus archäologischer sowie ethnoarchäologischer Feldarbeit vorgestellt, bei denen Rollen und Darstellung von Frauen im Mittelpunkt standen: So finden sich an und um den Brandberg im heutigen Namibia mehrere tausend Felsbilder, die zwischen 2000 und 4000 Jahre alt sind und sowohl eindeutig Frauen als auch Männer bei bestimmten Tätigkeiten zeigen. Beiden waren wohl spezielle Sphären des Handelns zugewiesen – interessanterweise spielt die in Europa mit Stereotypen behaftete „Männer waren Jäger, Frauen Sammlerinnen“-Dichotomie in den namibischen Felsbildern keine Rolle. Über die Forschung zu Produktion und Nutzung von Keramikgefäßen in der Gegenwart und Vergangenheit in West- und Südafrika (vorgestellt wurden Mozambique, Mali, Ghana und Gambia) zeigten sich außerdem regional spezifische Kompetenzunterschiede zwischen Männern und Frauen, so dass die Arbeit mit Keramik/Ton weder als reine Frauen- noch Männerdomäne angesehen wird, wie es dennoch heute oft in der archäologischen Interpretation geschieht. Im Folgenden wurden dann Technologien, Traditionen, Gesellschaftsbilder und den jeweiligen Rollen, die Männer und Frauen in diesen einnahmen und einnehmen, sowie die Gefahren, die eine direkte Übertragung von ethnoarchäologischer Erkenntnisse auf frühere Epochen mit sich bringen kann, angeregt besprochen.

Die Initiator:innen des Workshops konnten aus diesen Diskussionen eine Vielzahl an neuen Anregungen und Ideen für zukünftige Arbeit der Working Group (In)Visbile Women mitnehmen. Ebendiese werden nun in die konzeptionelle Arbeit der Working Group integriert und im Januar 2023 im Rahmen der Jahrestagung des SPP allen Mitgliedern des Programms präsentiert. Zudem ist es von beiderseitigem Interesse die kooperative Arbeit mit der geplanten Ausstellung „Planet Africa“ zu intensivieren und zusammen zu überlegen, wie die historischen Rollen von Frauen auch an dieser Stelle deutlicher hervorgehoben werden können.

Keramikproduktion von Frauen in Mozambique (Attribution & Copyright: J. Sigl)
Cous-Cous-Siebe aus Gambia und Mali (Attribution & Copyright: J. Sigl)
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