Auf der Suche nach der Geschichte Afrikas

Auf der Suche nach der Geschichte Afrikas

Bisher haben ArchĂ€ologen sich kaum fĂŒr Afrika interessiert. Das soll sich Ă€ndern mit einem großen Projekt zu den historischen Netzwerken des Kontinents.

Afrika gilt als die Wiege der Menschheit – und als Hotspot zur Erforschung der Menschheitsgeschichte. Und doch sind die prĂ€historischen und historischen Wurzeln dieses an Kulturen so reichen Kontinents wenig oder gar nicht untersucht. „Bisher haben wir Afrika vor allem durch die europĂ€ische Brille betrachtet: Wo gab es Verbindungen zu den Römern, vielleicht auch noch die Ausstrahlung von Ägypten aus, aber das war es dann auch fast“, sagt Jörg LinstĂ€dter, stellvertretender Direktor der Kommission fĂŒr ArchĂ€ologie AußereuropĂ€ischer Kulturen des Deutschen ArchĂ€ologischen Instituts (DAI) in Bonn. So gesehen wurde Afrika bislang vorrangig als Peripherie des Mittelmeerraumes behandelt. Was sich jedoch im Inneren des Kontinents abgespielt hat, ist archĂ€ologisch kaum erforscht.

Afrika spielt geopolitisch eine immer bedeutendere Rolle, allerdings hĂ€lt der Stand des Wissens mit dieser Entwicklung nicht Schritt. Das soll sich jetzt Ă€ndern – mit einem neuen Schwerpunktprogramm, das das DAI bei der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) eingeworben hat. Das Großvorhaben „Entangled Africa. Innerafrikanische Beziehungen zwischen Regenwald und Mittelmeer“ wird von der DFG fĂŒr sechs Jahre finanziert, in der ersten dreijĂ€hrigen Projektphase mit 3,2 Millionen Euro. FĂŒr den Zeitraum zwischen 4000 vor unserer Zeitrechnung bis ins 15. Jahrhundert soll es vor allem darum gehen, dieses „vernetzte Afrika“ unter den Aspekten MobilitĂ€t, Technik, Handel und Austausch neu zu beleuchten – auf Augenhöhe mit afrikanischen Partnern.

Neustart nach dem Arabischen FrĂŒhling

Auch wenn die ArchĂ€ologen mit ihrem Projekt Neuland betreten: Die Grabungsarbeit des DAI in Afrika hat mit Kampagnen im Maghreb, in Ägypten und im Sudan und seit einiger Zeit auch in SĂŒdafrika durchaus eine Tradition. Bereits 2010 hatte Stephan Seidlmayer von der Abteilung Kairo des DAI alle afrikanischen Projekte des DAI nach Kairo eingeladen, um sie besser zu vernetzen. Der Arabische FrĂŒhling habe diese Arbeit aber vorĂŒbergehend unterbrochen, sagt Philipp von Rummel, der GeneralsekretĂ€r des DAI.

Ab 2011 konzentrierte man sich zunĂ€chst darauf, die Demokratisierungsprozesse in Ägypten und Tunesien durch die sogenannten Transformationspartnerschaften zu unterstĂŒtzen. Darin wurden einheimische Forschende, aber auch die Zivilgesellschaft in archĂ€ologische Projekte eingebunden, die ein neues Bewusstsein fĂŒr die Kultur und Geschichte der LĂ€nder stĂ€rken sollten. Der Plan, den gesamten afrikanischen Kontinent in den Blick zu nehmen und die Afrika-Vorhaben miteinander zu verbinden, sei jedoch ab 2014 weiterverfolgt worden, sagt von Rummel. Daraus ist dann das Netzwerk TANA (TransArea Network Africa) des DAI entstanden.

Mit dem erfolgreichen Antrag bei der DFG will das DAI nun neu durchstarten. „Wir haben ein Format fĂŒr alle UniversitĂ€ten und Forschungseinrichtungen, die daran teilnehmen wollen, geschaffen“, sagt der GeneralsekretĂ€r. Aus 23 Projekten, mit denen sich DAI-Forschende und Uni-ArchĂ€ologen bundesweit beworben haben, wurden am Ende von der DFG Gutachterkommission zwölf ausgewĂ€hlt, die den Subsahara-Bereich bis zum Regenwald von West nach Ost abdecken. Neben ArchĂ€ologen sind auch Geographen, Biologen, Linguisten und Informatiker an diesem Mammut-Programm beteiligt.

Spurensuche im Hochland von Äthiopien

Wie so ein Netzwerk aussehen kann, illustriert das Projekt „Routes of Interaction: Überregionale Kontakte zwischen dem nördlichen Horn von Afrika und dem Niltal“, das von der ArchĂ€ologin Iris Gerlach von der Außenstelle Sanaa des DAI, der Geographin Brigitta SchĂŒtt von der Freien UniversitĂ€t Berlin und dem Ägyptologen Dietrich Raue von der UniversitĂ€t Leipzig beantragt wurde.

Dass es Kontakte zwischen den Hochlandkulturen von Äthiopien zu denen des Mittleren Nil und zum Gash-Delta im heutigen Sudan sowie zwischen Teilen Ägyptens und der Arabischen Halbinsel gegeben hat, ist durch archĂ€ologische Funde gut belegt. Zudem erzĂ€hlen Sagen aus dem Lande Punt vom Handel mit Weihrauch, Gold und Sklaven. Aber wie verliefen die Handelsrouten? Und wie ermittelt man sie?

„ArchĂ€ologen suchen Raststellen und GrĂ€ber, Geographen schauen geomorphologisch und sehen, wo DĂ€mme vorhanden waren, wo Menschen gelaufen sind. Dadurch verfestigt sich der Boden“, sagt SchĂŒtt, die gerade von einer gemeinsamen Forschungsreise mit Iris Gerlach durch das Hochland von Äthiopien zurĂŒckgekehrt ist. Vier Augen sehen mehr als zwei. Wo die ArchĂ€ologin einen Friedhof erkennt, sieht die Geographin nur einen Steinhaufen. Und wo diese einen alten Trampelpfad identifiziert, sieht die ArchĂ€ologin nur Natur. Man schaue danach, wie die Landschaft durch die stĂ€ndige Nutzung durch den Menschen verĂ€ndert oder sogar geschĂ€digt wurde, sagt SchĂŒtt. Zum Teil gebe es heute noch Karawanenwege auf den alten Routen. Als Partner vor Ort will das Team auch aktive Handlungsreisende befragen.

Aufbauhilfe fĂŒr archĂ€ologische Studien ĂŒberall in Afrika

Vorbereitet wurde die Feldforschung von einer Masterstudentin, die mit einer „Least-Cost-Path“-Analyse auf Basis von Reiseberichten die „Wege des geringsten Widerstands“ ermittelt hat. Das ist nicht immer der kĂŒrzeste Weg, wohl aber der, auf dem man am schnellsten vorankommt und wenig Energie verbraucht. Solche Wege berechnet man zunĂ€chst auf Basis der topografischen Situation. Es geht vor allem darum, das Netz der Handelsrouten zwischen den Kulturen zu rekonstruieren, um festzustellen, wie die verschiedenen Regionen vor mehr als 3000 Jahren miteinander in Kontakt getreten sind.

Die einheimischen Partner sind von Projekt zu Projekt und von Land zu Land verschieden – UniversitĂ€ten, Museen, Antikenverwaltungen oder Archive. „Es wird viel Energie in Aufbauarbeit gesteckt, denn nicht ĂŒberall im Subsahara-Gebiet wird ArchĂ€ologie als Fach angeboten“, sagt von Rummel. „Wir helfen bei der Ausbildung und der Fortbildung. Wir drĂ€ngen uns nicht auf, sondern reagieren nur auf Bitten.“ Die Reaktionen der Afrikaner seien sehr positiv, die Neugier und der Forschungsdrang seien groß, wenn auch nicht ĂŒberall gleich ausgeprĂ€gt. „Mit diesem Programm stĂ€rken wir die ArchĂ€ologie in Afrika als Ganzes.“

Das Ziel von „Entangled Africa“, deutsche und afrikanische Netzwerke zu stĂ€rken und miteinander zu verbinden, bedeutet, auf beiden Seiten Wissen zu erschließen und Ressourcen bereitzustellen. „In gegenseitigem Respekt“, wie von Rummel betont. FĂŒr die deutschen Wissenschaftler wird das auch heißen, immer wieder zurĂŒckzukehren, um den nachhaltigen Aus- und Aufbau von Museen und Archiven zu begleiten. So will Iris Gerlach eine Ă€thiopische Initiative fĂŒr ein archĂ€ologisches Museum unterstĂŒtzen. Ortwin Dally von der Abteilung Rom des DAI betreut die Neuausrichtung des Nationalmuseums von Cherchell in Algerien. Und im Bardo-Museum in Tunis wird der bedeutende Goldschatz von Chimtou in einer Kooperation von DAI, dem nationalen tunesischen Denkmalamt und dem Badischen Landesmuseum Karlsruhe neu und dauerhaft prĂ€sentiert.

Wie entwickelten sich die Kulturlandschaften in Westafrika?

Ein rein archĂ€ologisches Programm kĂ€me in Afrika rasch an seine Grenzen. Da können andere Disziplinen helfen, etwa bei der Frage, wie sich Kulturlandschaften in Westafrika ausbilden. So hat die ArchĂ€obotanikerin Alexa Höhn von der Goethe-UniversitĂ€t Frankfurt in Burkina Faso Holzkohlereste von 1500 vor bis 1500 nach Christus untersucht, um festzustellen, wie sich Landwirtschaft intensiviert hat und welchen Einfluss das auf die Gesamtvegetation hatte. Nun will sie erforschen, ob die Befunde aus Burkina Faso auf ganz Westafrika ĂŒbertragbar sind. Sie hat viele ArchĂ€ologen angeschrieben, die ihr von ihren GrabungsstĂ€tten Holzkohle, verkohlte Samen und FrĂŒchte schicken. „Wenn es Knochen gab, weiß man auch, was die Menschen gegessen haben“, sagt Höhn.
Ihr geht es darum herauszuarbeiten, wie der Mensch die Landschaft verĂ€ndert hat, ob eher Vieh gehalten oder Ackerbau betrieben wurde. Das hat Folgen fĂŒr den Baumbestand. Akazienarten, die zum Beispiel in der Trockenzeit immer noch grĂŒn sind, bieten daher auch in der Trockenzeit Futter. Das Vieh dĂŒngt ganz nebenbei die Felder. Neuland betritt auch Hans-Peter Wotzka von der UniversitĂ€t Köln mit seinem Projekt zur Besiedlung der innertropischen RegenwĂ€lder in der heutigen Demokratischen Republik Kongo: Wie hat der Mensch durch Sesshaftigkeit und Nahrungsmittelproduktion die Vegetation verĂ€ndert?

Freier Zugang zu verstÀndlichen Datenbanken

Damit all die erwarteten Erkenntnisse am Ende allen zugĂ€nglich sind, gibt es das Infrastrukturprojekt „Erfassen und VerknĂŒpfen. Datenmanagement als Basis zu nachhaltigen Nutzung von Forschungsdaten“ von der Forschungsstelle Afrika der UniversitĂ€t Köln. Tilman Lenssen-Erz und seinTeam können dabei auf der Datenbank des African Archaeology Archive Cologne (AAArC) aufbauen, die mit der der offenen Online-Infrastruktur iDAI.world des DAI verknĂŒpft ist. Die nach einheitlichen Prinzipien und allgemeinverstĂ€ndlich aufbereiteten Daten, Karten oder Fotos des Afrika-Projekts sollen weltweit zugĂ€nglich sein.

„Die Afrikaner haben kein Geld fĂŒr Abonnements teurer Fachzeitschriften“, erklĂ€rt Lenssen-Erz den Open-access-Gedanken. Alle Teilnehmenden an dem Schwerpunktprogramm mĂŒssten ihre Datenanlieferung „quasi wie eine Veröffentlichung betrachten, die Quellen mĂŒssen stimmen und sie mĂŒssen draußen in der Welt Bestand haben“.

Zeichen setzen fĂŒr eine Zusammenarbeit auf Augenhöhe

Dabei ist es fĂŒr die Spezialisten der primĂ€r archĂ€ologischen Datenbank eine Herausforderung, etwa auch die Ergebnisse eines sprachwissenschaftlichen Projektes einzuarbeiten. Darin wird die Verbreitung von Lehnwörtern durch Wanderungsbewegung und Migration erforscht. Diese und viele andere HĂŒrden, vor denen das Großprojekt noch stehen wird, lohnen die Anstrengung allemal. Denn „Entangled Afrika“ verspricht, durch die enge Kooperation von Forschenden aus Europa und Afrika und aus der VerknĂŒpfung verschiedener Disziplinen eine umfassende kulturelle Landkarte des Kontinents entstehen zu lassen. Das Schwerpunktprogramm könnte Zeichen setzen fĂŒr eine neue Art der internationalen Zusammenarbeit auf Augenhöhe.

Autor: Rolf Brockschmidt / entnommen aus: Der Tagespiegel (05.03.2019)

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