蛇藏玄谷, 马踏星途 Die Schlange ruht wieder im tiefen Tal. Das Pferd trabt los auf dem Sternenstrahl.
So steht es in Chinesisch auf der Karte. Und das geschah in der Nacht zum 17. Februar.
Na endlich ist das Pferd dran! Jetzt können wir mal auf die verrückte Sache zu sprechen kommen, dass Pferde in China extrem selten zu sehen sind – keine Reiterstandbilder vor oder in Palästen, keine berittene Garde, keine Kutschfahrten durch Parks, keine Pferdepensionen oder Reitsportvereine im Speckgürtel der Metropolen – aber trotzdem jede und jeder mehrmals am Tag das Wort „Pferd“ hört, sagt und ins Handy tippt. Zuerst aber etwas zu den Anfängen.
Archäologisch bestätigt ist, dass chinesische Könige und Generäle sich erstmals um 1200 v. u. Z. mit Zugpferden und Wagen in ihren Grabanlagen bestatten ließen. Damit begann Chinas Interesses an Pferdestärken. Es wuchs gewaltig, als ein paar Jahrhunderte später viele Leute reiten lernen mussten, weil sich mit Reitpferden wichtige Bereiche des Lebens beschleunigen und ausweiten ließen. Pferde haben oder nicht, wurde zu einer Frage der Sicherung von Wohlstand. Alle suchten leistungsstarke Rösser. Aus dieser Zeit stammt die Erzählung vom Pferdekenner Bole:
Bole wurde vom König von Chu (Reich in Süd-China) beauftragt, ein Pferd zu kaufen, das in der Lage war, tausend Meilen an einem einzigen Tag zu galoppieren. Er reiste durch mehrere Staaten und wagte sich bis in die nördlichen Reiche Yan und Zhao, die für die Zucht edler Pferde bekannt waren. Doch er konnte auch dort kein geeignetes Pferd finden. Auf seinem Rückweg sah Bole eines Tages ein Pferd, das einen Salzkarren zog und sich mühsam einen steilen Hang hinaufkämpfte. Das Pferd keuchte schwer, aber als Bole näherkam, hob es plötzlich den Kopf, öffnete die Augen weit und wieherte laut, als wolle es ihm etwas mitteilen. Allein an seinem Ruf erkannte Bole sofort, dass es sich um ein außergewöhnliches Pferd handelte. Er sagte zum Fuhrmann: „Auf dem Schlachtfeld kann kein Pferd dieses übertreffen, aber zum Ziehen eines Wagens taugt es nicht. Würden Sie es mir verkaufen?“ Der Fuhrmann hielt Bole für einen Narren. Für ihn war das Pferd unerfreulich, es fraß zu viel und war trotzdem mager und schwach, also willigte er ohne zu zögern ein.
Bole brachte es zum König von Chu. Als der König das abgemagerte Pferd sah, war er unzufrieden und dachte, Bole würde sich über ihn lustig machen. „Ich habe auf Dein Urteilsvermögen vertraut, aber was ist das für ein Gaul? Er kann kaum laufen. Wie soll er auf dem Schlachtfeld dienen?“ Bole antwortete: „Ich bin sicher, dass es ein 1000-Meilen-Pferd ist. Allerdings hat es einen Karren gezogen und wurde nicht richtig versorgt. Mit gutem Futter und Pflege wird es in weniger als einem halben Monat wieder zu Kräften kommen.“ Obwohl der König skeptisch war, befahl er seinen Stallburschen, sich gut um das Pferd zu kümmern. Wie Bole versprochen hatte, erholte es sich und zeigt sein Temperament.
Als der König auf das Pferd stieg und es antrieb, pfiff ihm sogleich der Wind um die Ohren. In nur wenigen Augenblicken hatten sie bereits hundert Meilen zurückgelegt. Von diesem Tag an war das 1000-Meilen-Pferd stets mit dem König von Chu unterwegs und trug entscheidend zu seinen Erfolgen bei. Der Pferdekenner Bole war in der Wertschätzung des Königs von Chu gestiegen. Bis heute wirkt diese Geschichte nach und taucht in ihrer Kurzform als Redewendung „Bole erkennt ein Pferd“ 伯乐相马 oft in Gesprächen auf, wenn es um Personen mit der Weisheit, Geduld und Weitsicht geht, talentierte Menschen zu erkennen und zu fördern. Gern werden dann auch historische Autoren zitiert, z.B. Han Ying (um 150 v. u. Z.) „Wenn ein gutes Pferd niemals auf Bole trifft, wie kann es dann seine Fähigkeit unter Beweis stellen, tausend Meilen zu galoppieren?“ oder Han Yu (um 800 u. Z.) „Nur wenn es Bole auf der Welt gibt, kann es auch 1000-Meilen-Pferde geben. Im modernen China sind Pferde zwar aus dem Straßenbild verschwunden, aber nicht aus den Namen. Unser Pekinger Büro beispielsweise liegt am „Fluss des glänzenden Pferdes“, einer Badestelle des kaiserlichen Gestüts im 15./16. Jahrhundert.
Nun ist wieder ein Pferdejahr angebrochen. Als Tierkreiszeichen mit der Wirkkraft Feuer gepaart, steht es in diesem Jahr besonders für den Aspekt der Eile. Im chinesischen Sprachalltag klingt die Eile ganz schlicht so: 马上 „sofort“. Ein Wort, das in China jede und jeder mehrmals am Tag hört, sagt und ins Handy tippt. Es besteht aus den zwei Zeichen mǎ 马 „Pferd“ und shàng 上 „darauf“ und bedeutet wörtlich „auf dem Pferd“.
Textet jemand „Bist Du schon da?“, schreibt jemand aus der U-Bahn zurück „auf dem Pferd“ und kündigt damit an „treffe in Kürze ein“. Fragt jemand „Hat die Veranstaltung schon angefangen?“, kann die Antwort lauten „auf dem Pferd“ im Sinne von „geht gleich los“. Die Kellnerin sagt „auf dem Pferd“ und versichert damit „bin sofort bei Ihnen“; die Ärztin sagt bei der Behandlung „auf dem Pferd“ und meint damit beruhigend „wird gleich besser“; wir blicken auf die ersten Schneeglöckchen, denken „auf dem Pferd“ und meinen „bald wird es Frühling“.
Es gibt auch andere Wörter mit der Bedeutung von „sofort“, aber „auf dem Pferd“ ist so beliebt, weil es so flexibel ist, respektvoll die Dringlichkeit anerkennt und höflich verspricht, einer Bitte eilends nachzukommen, wenn auch vielleicht mit kleiner Verzögerung. Außerdem lassen sich damit so schöne Bilder-Wünsche gestalten. Zum Beispiel: Das Startbild zu diesem Blogbeitrag zeigt auf dem Pferd einen Sack voller traditioneller Goldbarren. Das Bild verheißt also die baldige Ankunft von Wohlstand.
Dieser Link führt zu einer kleinen Jade im Palastmuseum Peking. Sie zeigt: auf dem Pferd ein Affe. https://www.dpm.org.cn/shuziwenwu/370630.html Weil im Chinesischen das Wort „Affe“ gleich ausgesprochen wird wie ein hoher Beamtenrang, wünscht man mit diesem Miniaturkunstwerk dem oder der Beschenkten baldige Beförderung.

Illustration von Zorika Gaeta; Kartendesign von Dominic Hosner; Mit Mausklick auf STIFT geht es zu seinen Abenteuern.
Auf der Karte sehen Sie STIFT mit Yani unterwegs. Bei ihrem Ritt hat die beiden ein anderer Aspekt berührt:

Ross und Reiter weit geritten
hätten hinterrücks gelitten,
wenn nicht jemand früh erdacht
Sattel lederweich
Polster wolkengleich
und solche ‚Spezies-Adapter‘ klug gemacht
für da, wo Pos auf Rücken drücken.
Bis heut tagtäglich dankbares Entzücken!
Denn: Zwei Millennien weiter
kann zeitgemäß ein Polstersattler heiter
das Zweirad-Mensch-Gespann beglücken.
Illustration von Zorika Gaeta; Autorin: Mayke Wagner; Mit Mausklick auf STIFT zur Geschichte des Sattels.
Wir wünschen den Jüngeren unter Ihnen, in diesem Jahr einen Bole zu treffen, und den Älteren im Gedenken an ihren eigenen Bole, nun selbst ein 1000-Meilen-Pferd zu finden. Allen „auf dem Pferd“ viel Freude.
Die Pekinger
Du möchtest mehr über die Geschichte des Sattels lernen oder etwas über STIFTS Abenteuer erfahren?
Dann nutze unsere Links:
Zum Sattel: Wertmann, P., Yibulayinmu, M., Wagner, M., Taylor, C., Müller, S., Xu, D., Elkina, I., Leipe, C., Deng, Y., & Tarasov, P. E. (2023). The earliest directly dated saddle for horse-riding from a mid-1st millennium BCE female burial in Northwest China. Archaeological Research in Asia, 35. https://doi.org/10.1016/j.ara.2023.100451
Zu STIFTS Abenteuern: Wagner, M., Gaeta, Z., Hallgren-Brekenkamp, M., Dilßner, K., Fahrendholz, C., Michaelis, A.C., Wertmann, P., Hosner, D., Chen, X. and Tarasov, P.E. (2025) Dame in Seide: Mode vor 2000 Jahren. Berlin: iDAI.publications/books (Mitmach- und Entdeckerbücher zur ostasiatischen Archäologie). https://doi.org/10.34780/1bn01362
To POET PEN'S Adventures: Wagner, M., Gaeta, Z., Hallgren-Brekenkamp, M., Dilßner, K., Fahrendholz, C., Michaelis, A.C., Wertmann, P., Hosner, D., Chen, X. and Tarasov, P.E. (2025) Lady in Silk: Fashion 2000 years ago. Berlin: iDAI.publications/books (Mitmach- und Entdeckerbücher zur ostasiatischen Archäologie). https://doi.org/10.34780/qjpnnv63
Autoren: Mayke Wagner, Xiaocheng Chen, Dominic Hosner
Blogmaster: Ariane Celina Michaelis
