Was geschah im bronzezeitlichen Dorf Lajia?

ArchÀologen, Historiker und Geowissenschaftler untersuchen die Vergangenheit des Menschen und der Natur mit verschiedenen Fragestellungen und Datierungsmethoden, doch sie beschÀftigen sich alle mit den Interaktionen von Mensch und Umwelt. Einige Fragen sind nicht immer leicht zu beantworten, wie beispielsweise:
Was ist den Menschen im chinesischen Lajia zugestoßen? Wurden sie von einer Flut ĂŒberrascht? Hat ein Erdbeben gewĂŒtet? Oder zerstörte eine Schlammlawine das bronzezeitliche Dorf?
Um das herauszufinden, unterstĂŒtzte das DAI 2002 gemeinsam mit dem ArchĂ€ologischen Institut der Chinesischen Akademie fĂŒr Sozialwissenschaft und dem Institut fĂŒr DenkmĂ€ler und ArchĂ€ologie der Provinz Qinghai die Diplomarbeit von C. Hoffmann am Institut fĂŒr Geoökologie der UniversitĂ€t Potsdam.

Startfoto: Das Foto zeigt rote Sedimente, die das Grubenhaus fĂŒllen und die umliegenden menschlichen Skelette umgeben. Die Haltung eines Mannes, der ĂŒber der Feuerstelle mit dem Kopf und den HĂ€nden zur TĂŒr gerichtet liegt, deutet darauf hin, dass sein Tod schnell und unerwartet eingetreten ist, so dass er das Haus nicht verlassen oder sich auch nur in die NĂ€he des Ausgangs begeben konnte (Foto: M. Wagner).


Die Geschichte einer prÀhistorischen Katastrophe

In einer Siedlung der Qijia-Kultur aus der Zeit zwischen 2100 und 1800 Jahren v. Chr. am Oberlauf des Gelben Flusses in der Provinz Qinghai, China, wurden bei Ausgrabungen zwanzig menschliche Skelette in drei GrubenhĂ€usern gefunden. Bilder ihrer Lage und Haltung erinnerten an Pompeji. Die Menschen  waren offensichtlich einer Katastrophe zum Opfer gefallen. Aber welche Art von UnglĂŒck hatte sie getroffen?

Topographische Karte, die den Standort des Dorfes und des archÀologischen Fundplatzes Lajia, Kreis Minhe, Provinz Qinghai, am Oberlauf des Gelben Flusses zeigt.

Im MĂ€rz und September 2002 besuchte ein multidisziplinĂ€res Team aus Wissenschaftlern des Instituts fĂŒr DenkmĂ€ler und ArchĂ€ologie der Provinz Qinghai, des Deutschen ArchĂ€ologischen Instituts und des Instituts fĂŒr Geoökologie der UniversitĂ€t Potsdam den Fundplatz Lajia. Das gemeinsame Ziel war, die Landschafts- und Kulturentwicklung wĂ€hrend der Qijia-Kultur (ca. 2300-1800 v. Chr.) im Becken von Guanting zu erforschen. Die erste und spannendste Frage war, was tötete die Leute in Lajia?

Um Mensch-Umwelt-Beziehungen interpretieren zu können, mĂŒssen viele Aspekte berĂŒcksichtigt werden. Die Natur kann sich graduell oder abrupt verĂ€ndern, wobei verschiedene Reaktionen ausgelöst werden können. Der Mensch hingegen greift oftmals in die Natur ein, sei es bewusst oder unbewusst. Anhand von Umweltarchiven können verschiedene Faktoren untersucht und die Vergangenheit rekonstruiert werden. Die Ergebnisse bezĂŒglich des Dorfes Lajia, stĂŒtzen sich hauptsĂ€chlich auf Analysen von Sedimenten, Wacholderholz und archĂ€ologischen Funden.

Drei Hypothesen sollten ĂŒberprĂŒft werden:

Hypothese 1, Flut des Gelben Flusses:
Lajia liegt auf der Schwemmterrasse des Gelben Flusses und in einem Gebiet, indem der Sommermonsun vorherrschend ist. In Verbindung mit geringer Vegetation und dem dortigen Bergrelief, kann der OberflĂ€chenabfluss schnell stattfinden und in einer Überschwemmung resultieren. Die in den HĂ€usern gefundenen Skelette befinden sich teilweise in einer Position, die als schwimmende Haltung interpretiert wurde. Jedoch unterscheidet sich das Sediment von denen des Flusses und des Schwemmlandes erheblich. Es sind rote Sedimente, die die Böden der HĂ€user bedecken und in denen die Skelette stecken.

Die Schlucht des Gelben Flusses (a) befindet sich ca. 7 km flussabwÀrts vom Fundplatz Lajia im Guanting-Becken (b). Ein schematisches topographisches Profil (c) veranschaulicht ein hypothetisches Hochwasserszenario im Guanting-Becken im Zusammenhang mit einer Stauung der Schlucht des Gelben Flusses durch das Erdbeben (Fotos und Zeichnung: P. Tarasov).


Hypothese 2, Erdbeben:
In den HÀusern sind Risse in den Böden erkennbar. Da sich Lajia in einem seismisch aktiven Gebiet befindet, liegt die Vermutung nahe, dass diese durch ein Erdbeben entstanden sein können.

Hypothese 3, Murgang (Schlammlawine):
Kann der rote Schlamm in den HĂ€usern aus höherem GelĂ€nde abgerutscht sein? Der Ursprung des roten Sediments wurde in dem zwei Kilometer entfernten Gebirge entdeckt. Es konnte festgestellt werden, dass zersetzte feinkörnige Sedimente in einer so großen Menge erodiert und mit einem hohen Wasservorkommen ins Tal geflossen sind, dass sich ein alluvialer FĂ€cher bildete, der den östlichen Teil des prĂ€historischen Dorfes erreichte. Dadurch wird auch die Frage beantwortet, warum nur die HĂ€user in diesem Abschnitt betroffen waren, und nicht das ganze Dorf auf der Terrasse, was bei einer Überschwemmung durch Flusshochwasser zu erwarten wĂ€re.

Vermutlich wurde eine Schlammlawine durch starke RegenfĂ€lle ausgelöst und ihr Abgang durch ein Erdbeben verstĂ€rkt. Sie traf Lajia mit hoher Geschwindigkeit und wahrscheinlich in der Nacht, denn die Menschen wurden in ihren HĂ€usern ĂŒberrascht.

Landschaftsmodell, das den nördlichen Teil des Guanting-Beckens zeigt: einen großen SchwemmfĂ€cher, der von einer oder mehreren Schlammlawinen erzeugt wurde, und die modernen Dörfer Lajia und Guanting, die außerhalb des SchwemmfĂ€chers zwischen dem Gelben Fluss und den roten Bergen liegen (nach: Hoffmann 2003). Das Trockental eines kleinen Nebenflusses des Gelben Flusses ist in der modernen Landschaft gut ausgeprĂ€gt und verbindet die Quelle des roten Sediments mit den alten HĂ€usern (schwarzes Quadrat), die durch die Schlammlawine zerstört wurden.

Eines ist klar, die Leute haben von diesem UnglĂŒck gelernt. In den nĂ€chsten Jahrtausenden bauten sie keine HĂ€user mehr an dieser gefĂ€hrlichen Stelle.

Die ganze Geschichte und was die Forschung in Lajia mit dem Ursprungsmythos der chinesischen Zivilisation zu tun hat erfahren Sie hier:
Tarasov_Wagner_Environment-ChineseAntiquity_BCAA7_2015

Blick auf die ‚roten Berge‘ ca. 2 km nördlich vom Fundplatz Lajia, (a) aus Distanz und (b) aus der NĂ€he (Fotos: P. Tarasov).

 

Autorin: Annika Görnt


Blogmaster: Pascal Olschewski