Die vielen Leben der Bäume

Was haben Förster Peter Wohlleben, der Autor des Bestsellers „Das geheime Leben der Bäume“, und Dendrochronologe Uwe Heußner, Wissenschaftler am DAI, gemeinsam? Sie verstehen etwas von Bäumen, das anderen Menschen verborgen bleibt.

Der eine beobachtet das Wachsen der Bäume im Wald, der andere macht Gebrauch davon, dass die Bäume die Bedingungen ihres Wachstums Jahr für Jahr in ihren Zuwachsringen aufzeichnen. Regen, Sonne, Wind und die Nährkraft des Bodens sind nicht in jedem Jahr gleich stark, deshalb wachsen auch die Jahrringe nicht gleich dick. Die Ringbreiten von aufeinander folgenden Jahren ergeben ein einzigartiges Muster, einen natürlichen Barcode. Diese Jahrringmuster sind der Schlüssel für die Verbindung der Lebensgeschichten von Menschen und Bäumen in der Vergangenheit, das Forschungsziel des Dendrochronologen.

Startbild: Dendrochronologe Uwe Heußner bei der Arbeit. Für archäologische Untersuchungen sind nicht nur Bäume im Forst oder Wald aussagekräftig, sondern vor allem verarbeitetes Holz in Gebäuden, wie hier auf einem Dachboden in China  (Quelle: ZHANG Qiong, 2017).

Das Lebensende eines Baumes im Wald kann der Beginn seines nächsten Lebens als Bauholz sein. Tragend, stützend und versteifend in Häusern, Kirchen und Palästen, als Masten und Planken in Kähnen und Koggen, Schalung in Bergwerk und Brunnen, Sargbrett, Idol, Bohle im Steg durch den Sumpf, Heringsfass und Wasserleitungsrohr – Dendrochronologe Heußner hat sie alle vermessen.

Denn so lange ein Holzstück weiter existiert, und seien es viele Jahrtausende, zeigt es zwei Zeitspannen an: die Jahre, in denen der Baum gewachsen ist, und die Zeit, in der er von Menschen verbaut wurde. Bäume sind Chronometer, und zwar besonders exakte, wenn sie zuverlässig jedes Jahr einen Wachstumsring ansetzen. Wird bei einer archäologischen Ausgrabung Holz mit erkennbaren Ringen entdeckt, stehen die Chancen gut, dass Dendrochronologe Heußner das Baujahr bestimmen kann.

Uwe Heußner bereitet eine Probe vor. Foto: ZHANG Qiong

Aber das kann er nur, weil er in zweiunddreißig Jahren nahezu zehn Millionen Ringe an mehr als 140.000 Hölzern gemessen und sie getrennt nach Baumarten und Regionen zu Jahrringkalendern – Standardkurven – zusammengesetzt hat, die bis in die Gegenwart reichen. Mit diesen Standards vergleicht er jede neue Probe. Ihr Jahrringmuster entspricht genau einem Abschnitt auf einem der Baumkalender. Hat er ihn gefunden, weiß er wann und wo aus dem Baum dieses Bauholz wurde.

Für Klimaforscher sind die Jahrringmuster der Schlüssel zur Klimageschichte der Vergangenheit. In ihren Forschungen lebt ein Baum weiter als Archiv. Dendrochronologe Heußner hat die Voraussetzungen geliefert, dass deutsche, chinesische und amerikanische Kolleginnen und Kollegen zusammen aus lebenden und verbauten Bäumen von der Nordostecke des Tibet-Plateaus den Niederschlag der Jahre von 515 v. Chr. bis 1993 herauslesen und die längste Trockenphase in der Geschichte Chinas erkennen konnten. Überhaupt war das mit 2508 Jahren die längste dendrochronologische Standardkurve für China. Damit auch für andere Regionen Baumkalender geschaffen werden können, baute Dendrochronologe Heußner mit Kolleginnen in Peking und Guangzhou eigene Labore auf und bildete sie aus. Ihre Arbeit steht am Anfang. Uwe Heußner hat heute seinen letzten Arbeitstag am DAI.

Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Außenstelle Peking, die chinesischen Kolleginnen und viele in anderen Ländern, die mit ihm gemeinsam gearbeitet, gelernt und immer wieder Neues entdeckt haben, feiern heute mit ihm auf Abstand und schicken ihren herzlichen Dank, Anerkennung für seine Lebensleistung und Grüße.

Grüße und Dank von Freunden, Kolleginnen und Kollegen:

Grüße von Xiaocheng Chen


Grüße von ZHANG Qiong mit Audiodatei: „Dear Uwe, the time we work together is short, but the good impression I’ve got is deep. You are not only my teacher, but also my friend. I’ll take you to be my example on the way to the study of dendrochronology of the Palace Museum“

Grüße von LIU Xiaoyu mit Audiodatei: „Auch wenn gute Freunde weit voneinander entfernt leben, bleiben sie sich doch im Herzen nah“


Bildquellen: CHEN Xiaocheng, LIU Xiaoyu, ZHANG Qiong

„Uwe ist wahrscheinlich der beste und coolste Chef den man sich als Assistent hat wünschen können. In 11 Jahren Zusammenarbeit als zwei-Mann-Team haben wir wohl mehr erlebt als so mancheiner in seinem gesamten Leben. Von 20 Meter unter der Meeresoberfläsche nach einem Schiffswrack tauchen bis auf 4400m den Himalaya hinauf um alte Tempel zu beproben. Mit Uwe wurde es wirklich nie langweilig! Seinem Vertrauen in mich und seiner Unterstützung verdanke ich die wahrscheinlich vielseitigste und spannendste Zeit meines Lebens.“ – dein Freund, Alexander Janus
 






weiterführende Veröffentlichungen:

Sheppard, P.R., Tarasov, P., Graumlich, L.J., Heussner, K.-U., Wagner, M., Österle, H., Thompson, L.G. (2004) Annual precipitation since 515 BC reconstructed from living and fossil juniper growth of northeastern Qinghai Province, China, Climate Dynamics 23 (7-8), 2004, 869-881.

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Blogmaster: Pascal Olschewski