Wald dringt vor – die Menschen weichen

In der Baikal-Region Sibiriens beschäftigt Archäologen schon lange die Frage: Was verursachte den Kollaps der frühneolithischen Kitoi-Kultur vor ca. 6700 Jahren? Die Kitoi-Leute waren auf die Jagd einer begrenzten Anzahl und Vielfalt von Großwild, hauptsächlich von  Rehen und Rotwild, spezialisiert.  Nach ihrem Ende blieb das Gebiet etwa 600 Jahre lang fast menschenleer. Eine neue Studie erkennt Veränderungen der Vegetationsdecke bedingt durch einen Umschwung im atmosphärischen Zirkulationssystem als eine mögliche Ursache.


Startbild: Plattform und Bohrausrüstung, mit der ein 7,5 m langer Sedimentkern aus dem Boden des Ochaul-Sees gezogen wurde. Foto: M. Krainov (Sibirische Abteilung der Russischen Akademie der Wissenschaften, Irkutsk, A.P. Vinogradov-Institut für Geochemie)

Der Sedimentkern aus dem Ochaul-See enthält Pollen aus der Zeit von ca. 13.500 bis 4000 Jahren vor heute. Franziska Kobe und ihre Kollegen haben sie in kleinen Zeitschritten untersucht und entdeckt, wie sich die Vegetation vom Ende der Eiszeit bis zum mittleren Holozän, in archäologischen Begriffen: vom Paläolithikum bis zur Bronzezeit, veränderte. Ihre Ergebnisse haben sie in diesem Artikel veröffentlicht:
Kobe, F., Bezrukova, E. V., Leipe, C., Shchetnikov, A. A., Goslar, T., Wagner, M., Kostrova, S. S., Tarasov, P. E. (2020) Holocene vegetation and climate history in Baikal Siberia reconstructed from pollen records and its implications for archaeology. Archaeological Research in Asia 23, 100209.

Das Wichtigste in Kürze:
Während der Eiszeit war die Landschaft offen und bot einer Vielzahl von Pflanzenfressern ausgedehnte Weidegründe und den auf sie spezialisierten Jäger eine Lebensgrundlage. Aber vor ca. 11.650 Jahren, am Übergang vom Pleistozän zum Holozän mit wärmerem Klima, begannen Bäume – Birke, Sibirische Kiefer, Lärche, Fichte und Tanne –  in diese Region vorzudringen. Die Kitoi-Leute stellten sich mit technischen Innovationen auf die Änderungen des Nahrungsangebotes ein. Anders als ihre mesolithischen Vorfahren jagten sie mit Pfeil und Bogen, verwendeten Fischnetze, Komposit-Fischhaken und Keramikgefäße und konnten sich damit etwa 900 Jahren lang behaupten. Aber dichter werdender Nadelwald, Sümpfe und starker Schneefall im Winter, wahrscheinlich einige Jahre nacheinander Extremwetter-Ereignisse, waren zuviel für die Megafauna und zwangen schließlich auch die Jäger zur Aufgabe ihres Jahrtausende lang erfolgreichen Lebensstils.

Erst einwandernde neue Jäger konnten besser damit umgehen: vor etwa 6100 Jahren begannen sie, in kleinen, hochmobilen Gruppen vor allem Gebrauch von den sehr reichen aquatischen Ressourcen der Baikal-Region zu machen.

Nordufer des Ochaul-Sees in der Baikal-Region mit einer kleinen Siedlung. Mehrere archäologische Surveys zwischen 1913 und 2016 (Aksyonov, 2009; Peskov, 2016) deuten darauf hin, dass dieser Platz bereits von mesolithischen und frühneolithischen Jäger-Sammler-Gruppen bewohnt wurde. Foto: M. Krainov (Sibirische Abteilung der Russischen Akademie der Wissenschaften, Irkutsk, A.P. Vinogradov-Institut für Geochemie)

Die Studie ist ein Beitrag zum Baikal Archaeology Project (BAP) https://baikalproject.artsrn.ualberta.ca/ und zum Projekt „Groundcheck in Nordostasien: Wandel von Klima und Ernährungskulturen seit der letzten Eiszeit“.

Mehr zu dem Projekt und den Forschungen am Ochaul-See finden sie hier:
Groundcheck in Nordostasien: Wandel von Klima und Ernährungskulturen seit der letzten Eiszeit

Den vollständigen Artikel können Sie hier herunterladen:
Kobe_etal_2020_ARA_HoloceneVegetation-Archaeology-Baikal

Autoren: Pavel E. Tarasov, Franziska Kobe und Mayke Wagner


Blogmaster: Pascal Olschewski

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